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In Begleitung des inneren Therapeuten - Erfahrungen mit dem Eigen-KB

Angelica Seithe-Blümer


Ein Eigen-KB, ein KB mit sich selbst, begleitet nur vom inneren Therapeuten - zweifellos eine Erweiterung des Möglichkeitsraumes –, aber ist das erlaubt? Ich erinnere mich, dass Leuner davon abriet. Man solle das KB nicht ohne therapeutische Begleitung durchführen, es könne sonst gefährlich werden. Seine Sorge galt vermutlich einer möglichen Überschwemmung mit malignen Bildern und Affekten, aus der sich eine bestimmte Patientenpersönlichkeit ohne Hilfe eines begleitenden Therapeuten vielleicht nur schwer befreien kann.

   Für mich hingegen war das Eigen-KB, das Imaginieren im Alleingang, immer wieder eine nützliche und nicht selten sehr fruchtbare Erfahrung. Ich war mit den Regeln und Techniken therapeutischer Führung im KB vertraut. Es galt nämlich nicht nur, die bekannten Bildmotive Wiese, Bach, Berg usw. bis hin zum Sumpfloch als Anregung eines Tagtraums zu nutzen. Es ging auch nicht nur darum, etwa mit der ‚Erweckung des Nachttraums’ zu arbeiten oder ein am akuten Gefühl sich frei entfaltendes KB in Gang zu bringen -, um nur einige Möglichkeiten zu nennen. Wichtig war die Verinnerlichung einer therapeutischen Führung, die darauf abzielte, den Imaginierenden anzuhalten, genau hinzuschauen, genau zu beschreiben, standzuhalten, auch unangenehme Bilder auszuhalten, sich vorsichtig zu nähern, Tastempfindungen zuzulassen und nicht zuletzt die Techniken der Symbolkonfrontation gut zu kennen. Das reichte von der Anregung eines Dialogs mit einer Symbolgestalt bis hin zu den Techniken des ‚Nährens und Anreicherns’ oder des ‚Bannens mit dem Blick’. Mit diesen Spielarten therapeutischer Führung und Begleitung gut vertraut, war es mir selbstverständlich, sie auch, soweit es ging, im KB mit mir selber anzuwenden. Dies geschah von Seiten einer inneren Instanz, die mein erlebendes Ich fast durchgehend begleitete. Ich gab mir also selbst die Anweisung: „Schau mal genauer hin!“ „Versuche es, für einen Moment auszuhalten, auch wenn es unangenehm ist!“ „Biete der Gestalt mal ganz, ganz reichlich von dem an, wonach sie ein großes Bedürfnis hat, und beobachte genau, wie sie sich verhält!“ Und Vieles mehr.
Hier nun ein erstes Beispiel.

   Ich hatte akut Kopfweh, was für mich ungewöhnlich war, und es ging über Nacht nicht weg. Als die Kopfschmerzen am zweiten oder dritten Tag nach ihrem Auftreten immer noch bestanden, beschloss ich zu imaginieren. Die problematische Situation, der ich sie vermutlich verdankte, war mir bewusst. Aber das half nichts. Oder doch eben gerade so viel, dass ich überzeugt war, es müsse einen psychischen Ursprung geben.
   Als Ausgangmotiv für die Imagination wählte ich spontan einen Teich. Mir war bewusst, dass der Teich als Traumsymbol etwas mit dem Gefühlsleben zu tun haben würde.
      Unmittelbar nachdem ich die Augen geschlossen hatte, sah ich vor mir einen zugefrorenen Teich. Mitten im Eis war eine Öffnung, die mich anzog. Ich rutschte ohne zu zögern dort hinein - und befand mich tief in einem dunkel grünlich getönten Wasser. Da war kein störendes Temperaturempfinden, kein Gedanke um mangelnde Luft, ich war ich selbst, kein Fisch, ich hatte auch keine technische Ausrüstung dabei. All dies kam mir gar nicht in den Sinn. Stattdessen geriet ich in Kontakt mit einem sehr verschmutzten Wasser. Fäkalien schwammen schwebend überall herum. Es ekelte mich stark. Mein innerer Therapeut aber empfahl, den Ekel auszuhalten, ihm standzuhalten, ja, sogar die schwimmenden Substanzen zu berühren, so weit das möglich war. Ich reagierte den Ekel ab.
   Alsdann kam ich tiefer – gelangte auf den schlammigen Grund des Teiches. Dort war das Wasser weniger verschmutzt. Aber es war unangenehm, den Schlamm an den Füßen zu spüren, Unterwasserpflanzen zu berühren. Ich hielt weiterhin stand und geriet in eine tiefer gelegene Unterwasserhöhle. Dort setzte ich meine tastenden Erkundungen fort. Es war dunkel, aber der Ekel hatte nachgelassen. Es war erträglich, aber nicht angenehm. Ich versuchte genau wahrzunehmen, was ich vor mir hatte. So verging einige Zeit. 
   Plötzlich erschien in der seitlichen Wand dieser Höhle eine mannsgroße, helle Öffnung. Sie ging offensichtlich ins Freie. Ich schwamm hindurch und landete – zu meiner Überraschung – in einem von Licht durchfluteten Swimmingpool. Das Wasser war sauber und klar. Ein Gefühl körperlichen Wohlbefindens durchschwemmte mich. Es war wie eine seelische Aufhellung. Und nachdem ich den Pool der Länge nach schwimmend durchmessen hatte, nahm ich den Tagtraum zurück. Der Kopfschmerz war verschwunden. Er kam nicht zurück.

   Die dynamische Situation, in der das Symptom auftauchte, war, wie oben schon erwähnt, äußerst prägnant und stand mir klar vor Augen (Liebe, Eifersucht, Trennung, übergangener Schmerz). Es war naheliegend, die Kopfschmerzen damit in Verbindung zu bringen. Ich reflektierte den untergegangenen Affekt, die vermutete Verdrängung, und war der Überzeugung, mir den Hintergrund meines Erlebens zutreffend bewusst gemacht zu haben. Aber es half nicht. Die Kopfschmerzen blieben unverändert. Sie erwiesen sich als hartnäckig und schickten sich an, dauerhaft zu werden.
   Ein Wissen um die Auslösesituation und das Nachdenken über untergegangene Affekte konnten das Symptom nicht auflösen. Erst die geschilderte Imagination vom Tauchen - wichtig war dabei das Aushalten des Ekels - brachte die Lösung und ließ das Symptom dauerhaft verschwinden. Ein weiterer Tagtraum war nicht erforderlich. Ein Ersatzsymptom trat nicht auf.

   Das hervorstechende Merkmal im Beispiel dieser Selbstimagination ist m. E. die innerlich begleitende Instanz. Da gibt es offensichtlich ein therapeutisches Introjekt. Ich hatte nie die Phantasie, ein bestimmter, vielleicht vertrauter Mensch würde mich begleiten. Immer war ich selbst diejenige, die mir die therapeutische Anweisung gab.
   Sie kennen das Modell einer Tauchexpedition früherer Zeiten, mit dem Leuner die Kommunikation zwischen erlebendem Patienten und begleitendem Therapeuten veranschaulicht (Leuner 1994, S. 206). Ein Taucher, hier der Patient, erforscht den Meeresgrund; gemeint sind die eigenen unbewussten Bereiche. Dabei bleibt er in engster vitaler Beziehung und engem Kontakt zum Expeditionsleiter im Boot, dem Therapeuten. Expeditionsleiter und Taucher arbeiten an einer gemeinsamen Aufgabe. Der Taucher-Patient bekommt Rat und Hilfen vom Expeditionsleiter. Seine eigene Aktivität ist zweigeteilt. Einerseits beobachtet und erlebt er, andererseits berichtet er über das, was er wahrnimmt. Sein Ich unterliegt also einer gewissen Spaltung in einen passiven und einen aktiven Ich-Anteil.  Man spricht von einer sog. therapeutischen Ich-Spaltung, die übrigens in jeder therapeutischen Beziehung die Rolle des Patienten-Ich mehr oder weniger kennzeichnet. Der Patient arbeitet auf zwei psychischen Ebenen. Sein regressives Ich gibt sich dem Erleben hin, während ein anderer, aktiverer Teil dem Therapeuten über sein Erleben Bericht erstattet, worauf wiederum letzterer mit Rat und Hilfe reagiert, d. h. Vorschläge macht, die in Richtung Heilung wirksam werden können.
   In unserem Beispiel vom KB in Begleitung des inneren Therapeuten wird dem Bildernden auch die Rolle des Expeditionsleiters mit abverlangt. Dieser innere Therapeut gibt Anregungen, hält bei der Stange, fordert auf, genauer hinzuschauen, ermutigt zum Standhalten und zum Aushalten unangenehmer Wahrnehmungen und Gefühle. Er kennt auch die therapeutisch progressiven Schritte, die er seinem eigenen Patienten-Ich anträgt. Es ist also streng genommen nicht bloß die übliche Ich-Spaltung im Spiel. Das Ich befindet sich in einer weit komplexeren Ich-Aufspaltung. Da gibt es einerseits das passiv erlebende und andererseits das innerlich aktiv wahrnehmende Ich, und nun beteiligt sich auch noch das aktiv begleitende, das führende Ich an der Situation.

    Lassen sie mich jetzt ein weiteres Beispiel anführen, das einen ganz anderen Charakter hat und dementsprechend auch einen differenten Umgang mit sich selbst erfordert.
   Ich hatte Ende der 80er plötzlich einen pathologisch erhöhten Blutdruck. Beim Radfahren auf dem Ergometer brach der Internist die Untersuchung jedes Mal schon bei ‚leichten Spaziergängen’ ab, weil der systolische Blutdruck dabei bereits auf über 200 mm Hg anstieg. Ich war mein Leben lang durch einen eher niedrigen Blutdruck aufgefallen.
   Statt Betablocker zu schlucken, entschloss ich mich – durchaus unter dem Einfluss einer gewissen Todesangst – zu imaginieren. Ich wusste um die oft heilsame Wirkung von Imaginationen, bei denen man sich auf angenehme Weise im Wasser bewegt; scherzhaft mitunter als ‚katathyme Hydrotherapie’ bezeichnet. (Pszywyj 1983, S. 216)
   Ich versuchte mich dreimal am Tag tief zu entspannen und mir einen freundlichen See vorzustellen, um darin zu schwimmen. Beim ersten Imaginieren kam spontan eine Szene in Gang, die ich in den folgenden vierzehn Tagen immer wieder durchlebte.
   Ich schiebe mein aufblasbares Schlauchboot, ein Kajak, durchs hohe Schilf. Vor mir liegt ein weit sich öffnender See im Sonnenglanz. Ich wate ein Stück weit in den See hinaus. Dort schwimme ich in Reichweite des Bootes. Ich spüre das Wasser um mich herum, ich spüre, wie es meinen Körper umspült, spüre, wie es mich auf eine beglückende Weise trägt. Das körperliche Gefühl, im Wasser zu sein, mich im Wasser zu bewegen, ist überraschend real, das Schwebegefühl körperlich sehr intensiv, fast überirdisch schön. Ich umkreise mein Boot. Später lege ich mich mit dem Bauch quer über die weiche Bootswand, auch sie trägt. Der See ist weit und glitzernd. Ich ruhe aus. Dann schiebe ich mein Boot langsam zurück zum Ufer und beende den Tagtraum.

     Hier war der innere Therapeut weniger gefordert als im vorangegangenen Beispiel. Es bedurfte keiner Konfrontation mit unangenehmen Gefühlen. Zu erleben, intensiv wahrzunehmen, die guten Körpergefühle zuzulassen und dranzubleiben, das war die therapeutisch heilsame Intervention. Ebenso wie ein guter Therapeut im realen Setting musste auch der innere Therapeut hier ausschließlich den Prozess fördern und anregende Interventionen geben. Die Aufforderung zu bewusstem Wahrnehmen der Körpergefühle, die Ermutigung, sie zuzulassen und die generelle Erlaubnis zu genießen, waren in dieser Tagtraumszene wichtig.
   Nach vierzehn Tagen war mein Blutdruck wieder normal und blieb während der nächsten 30 Jahre ausnahmslos auf diesem eher niedrigen Niveau konstant.

   Ich möchte an dieser Stelle ein kontrastierendes Beispiel kurz skizzieren -, es kann nämlich auch darum gehen, durch aggressive, ja mit realen Maßstäben gemessen, ‚mörderische’ Phantasien ein akutes psychosomatisches Symptom zu beseitigen. Der nach einem frustrierten Nähewunsch in einer Liebesbeziehung etwa auftretende Magenschmerz kann auf der Stelle verschwinden, wenn man sich einer solch ‚aggressiven Kur’ eine kleine Weile zu widmen in der Lage ist. Es muss aber schon hoch hergehen. Mit unnatürlichen Riesenkräften etwa muss dem frustrierenden oder kränkenden Gegenüber der Garaus gemacht werden – wie übrigens auch im Handpuppenspiel der Kindertherapie der Bösewicht immer wieder und aufs Neue zur Strecke gebracht wird. Das Symptom Magenschmerz löst sich dabei verbürgtermaßen auf der Stelle auf, vorausgesetzt es ist psychogen und soeben erst entstanden. Die Einsicht in die dynamischen Zusammenhänge, das sich Bewusstmachen, hilft dabei nur mittelbar. Es legalisiert aber die Affektaktivierung – als psychohygienische Maßnahme.
   Allerdings braucht es hierzu, wie bei Patienten immer wieder deutlich wird, ein relativ stabiles Ich. Ein zwangsneurotischer Jugendlicher etwa schreckte vor solcherart Phantasien zurück. Er glaubte, durch die bloße Phantasie von aggressivem Handeln schuldig zu werden – oder gar die Realität Beeinflussendes tun zu können. Andere Patienten mit borderline-naher Störung fürchteten, solche Phantasien könnten bei ihnen dazu führen, dass sie die Grenzen ihres realen Handelns verlören. Sie waren sich unsicher, glaubten, solche Phantasien könnten leicht in eine Realisierung einmünden oder diese befördern.
   In der Tat gibt es eine Klientel, die von aggressiven Phantasien nicht kathartisch profitiert. Bei ihr besteht im Gegenteil die Gefahr, dass reales Aggressionsverhalten angestoßen, ja geradezu getriggert wird. Da gibt es nicht die heilsame, psychohygienische Entladung, nach deren Erleben sich ein reales aggressives Verhalten von selbst erledigt. Es wird vielmehr eine Tür aufgestoßen, sodass sich die Aggression ungebremst in der Realität entladen kann.
   Hier liegt übrigens die Ursache für die weit verbreitete Kontroverse, was aggressive Videospiele oder entsprechende Filme anbetrifft. Für Ich–schwache Persönlichkeiten bringen sie die Gefahr einer destruktiven Realisierung, während Ich-gefestigte Menschen sich durch sie von störenden aggressiven Affekten befreien können. 

   Lassen Sie mich an dieser Stelle etwas Grundsätzliches zur Ich-Stärke im Zusammenhang mit der Durchführung von Eigen-KBs sagen.
   Ich denke – und da gebe ich Leuner Recht – die Gefahr kann darin bestehen, von starken, unguten Affekten überschwemmt zu werden. Hier hat die Abwehr – so hinderlich sie an anderer Stelle ist – eine psychisch gesunde Funktion. Bei ausreichender Ich-Stärke schläft der Betreffende ein, wenn er sich dem Stoff, dem er sich imaginativ nähern will, nicht gewachsen fühlt. Oder er schweift ab. Oder die Entspannung will nicht gelingen. Das sind Schutzmaßnahmen, derer sich der Ich-stärkere beim Eigenbildern sicher sein kann. Wo dieser Schutz fehlt und jemand evtl. unkontrolliert einer ihn überschwemmenden und überfordernden Bilder- und Emotionsflut ausgeliefert ist, sollte das Eigen-KB unbedingt vermieden werden. Natürlich muss man hier auch die Indikation für das KB überhaupt, also auch für das therapeutisch begleitete KB, in Frage stellen. Aber im Dialog mit dem führenden Therapeuten gibt es immer noch Nuancen, Steuerungs- und Dosierungsmöglichkeiten, Hilfen und letztlich für den Betreffenden auch eine Grundsicherheit im Gehaltensein, die auch dem Ich-geschwächten Patienten den fruchtbaren Einstieg ins KB möglich machen.

   Ein anderes Kapitel ist zweifellos das Probehandeln in einer blockierten oder ängstigenden Realszene. Hier bleibt die Phantasie automatisch näher an der Realität. Aber die Arbeit kann dennoch sehr anstrengend werden.
   Vor Jahren, ich brachte es einfach nicht fertig, aus meiner Ein-Zimmer-Wohnung auszuziehen, imaginierte ich verzweifelt den Versuch, die Treppe im Haus eines Maklers hinaufzusteigen, um ein Wohnungsangebot zu erhalten. Der sich im Hintergrund befindliche Konflikt mit meiner Partnerbeziehung oder mit der Stadt, in der ich lebte, war mir vage bewusst. Vielleicht stimmte meine Annahme sogar. Aber es half nichts. Ich versuchte besagte Treppe zum Makler viele, viele Male hochzugehen, umsonst, ich erreichte sein Büro nicht ein einziges Mal. – Stattdessen baute ich ein Haus, was ich nie zuvor erwogen hatte, und war dabei fast traumwandlerisch handlungsfähig. Immerhin. Eigentlich ein Glücksfall. Auch die Beziehung hielt sich noch eine Weile. Und ich wohne seitdem an der Peripherie jener Stadt, in einer Landschaft, die mir bis heute gefällt.

   Ein letztes Beispiel soll es noch geben (von den vielen, die mir im Gedächtnis geblieben sind), allerdings komplexer als das vorausgehende. Ich war eine Weile leicht depressiv, nicht von klinischem Ausmaß oder gar arbeitsunfähig, aber spürbar gedrückt und unterschwellig unfroh. Und es gingen dem KB, über das ich berichten möchte, einige Imaginationen zum Bachlauf voraus. Ich wollte mich offensichtlich mit etwas auseinandersetzen, was mit meinem damaligen Freund und meiner Beziehung zu ihm zu tun hatte, denn ich identifizierte den Bachlauf an seinem Beginn mit meinen Gefühlen ihm gegenüber. Der Bach führte mich, bevor er weiterfloss, jedes Mal in eine Gegend mit einem Teich und einer angrenzenden Schonung.
   In demjenigen Tagtraum, über den ich berichten will, trat aus dieser Schonung ein merkwürdiger, eher jüngerer Mann mit einem Jägerhut, der mir suspekt und zugleich unnahbar erschien. Er brach aus der Schonung und führte einen Hund bei sich. Mein innerer Therapeut hielt mich an, nicht auszuweichen, den Mann genau anzuschauen und das zwiespältige Gefühl, das er in mir auslöste, auszuhalten. Das gelang. Wenn ich ihn anzusprechen versuchte, blieb er atmosphärisch fern, unansprechbar, ominös. Der Hund war hässlich. Eine Rasse, von der Art, wie ich sie nicht mag. Ein Bullmastiff. Trotzdem, es muss die Anregung meines inneren Therapeuten gewesen sein, ließ ich mich auf den Hund ein. Ich betrachtete ihn näher, beobachtete sein Verhalten und wagte es schließlich, ihn zu berühren, sein Fell zu spüren und ihn zu streicheln. Da überkam mich ein so starkes, fast überschwemmend inniges Sympathiegefühl. Das Aussehen des Hundes spielte keine Rolle mehr. Es war okay. Er war mir zugetan und ich ihm. Der Mann mit Jägerhut stand in knapper Entfernung und ließ zu, was geschah. Der Kontakt mit dem Hund berührte mich tief. Es war, als wenn etwas (wieder) in mich hineinströmte. Es war ein fast körperliches Gefühl, zugleich zärtlich und wie von Liebe überwältigt. - Es ließ mich dankbar und staunend zurück.
   Die Depression, die ich ein paar Wochen schon mit mir herumgeschleppt hatte, war spürbar und auf dem Punkt genau mit diesem Bild verschwunden.    
   
   Ich hoffe, dass ihnen dieser Schluss meiner Ausführungen nicht kitschig vorkommt. Aber so war es – und es zeigt einmal mehr, dass es möglich ist, das KB auch im Eigenbetrieb sozusagen fruchtbar anzuwenden. Vorausgesetzt freilich, man verfügt über die notwendigen Ich-Funktionen und den inneren Therapeuten als begleitende und führende Instanz.



Literatur


Leuner, H. (1994):  Katathym-imaginative Psychotherapie (K.I.P.). Stuttgart: Thieme. 5. Aufl.

Leuner, H. (1994):  Lehrbuch der Katathym-imaginativen Psychotherapie. Bern: Huber. 3. Aufl.

Pszywyj, A. (1983):  Die imaginative Anwendung des Wassers im Katathymen Bilderleben. In Leuner, H: Katathymes Bilderleben – Ergebnisse in Theorie und Praxis. Bern: Huber. 2. Aufl.
  



Zusammenfassung:

Die Erweiterung des Möglichkeitsraumes durch „Eigen-KB“ –, das mag etwas sein, dem der eine oder andere skeptisch gegenüber steht. Beispiele von Imaginationen, lediglich begleitet vom inneren KB-Therapeuten, werden wiedergegeben und ihr jeweiliges Ergebnis zur Diskussion gestellt – etwa das prompte und dauerhafte Verschwinden leichter (nicht chronifizierter) Symptome, das Wiedererlangen blockierter Handlungsfreiheit etc.. Die Darstellung schließt eine Reflexion über die sog. „therapeutische Ich-Spaltung“ mit ein und nimmt Bezug auf das Niveau genereller Ich-Stärke.


Schlüsselwörter:

Innerer KB-Therapeut, therapeutische Ich-Spaltung, Ich-Stärke



Autorin:

Angelica Seithe-Blümer 
Dipl.-Psych., psychologische Psychotherapeutin, eigene Praxis, Dozentin der AGKB; Autorin von Lyrik und Kurzprosa.
Burgstraße 36
D-35435 Wettenberg (bei Gießen)