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                             Wort, Gefühl und Imagination. Wenn Sprache Gefühle erzeugt

                                                            Angelica Seithe-Blümer


  ‚Wenn Sprache Gefühle erzeugt’, so heißt der Untertitel meines Vortrags. Er impliziert, dass Sprache das kann. Gemeint ist natürlich, dass Sprache diejenigen Gefühle im Adressaten freisetzt, die denjenigen des Sprechenden oder Schreibenden entsprechen. Es geht also um die Übermittlung eines bestimmten Gefühls von einem Individuum zum andern. Es geht nicht um das pure Erzeugen irgendwelcher Gefühle mithilfe sprachlicher Information. Es geht um die Kommunikation eines Gefühls, das der Sprechende selbst hat und das er, indem er es in Sprache fasst, dem anderen quasi „life“ übermittelt.    
   Aber auch bei dieser Kommunikation geht es nicht darum, den anderen von einem Gefühl zu informieren. Wenn ich ihm z. B. sage, ‚ich bin glücklich’, weiß er es rational. Aber er fühlt es nicht zwangsläufig. Wenn er es bei einer so rationalen sprachlichen Übermittlung dennoch fühlt, wirklich fühlt, dann liegt es an etwas anderem. Das teilnehmende Gefühl könnte sich über das Strahlen meiner Augen vermittelt haben. Der Klang meiner Stimme, ihre Färbung, ihr Tempo, ihr Rhythmus könnten es im anderen hervorgerufen haben. Oder der andere nimmt meine Mimik, meine Gesten, meine Körperhaltung wahr. Und wenn er empathisch ist, könnte all das ein mitschwingendes Glücksgefühl in ihm auslösen. – Aber das wäre dann nicht etwas, das von der Sprache selbst in Gang gesetzt würde, sondern von außersprachlichen, in der Regel körperlichen Begleiterscheinungen unseres Sprechens.

  Aber die Sprache kann es auch selbst, d. h. sie vermag es als Sprache. Sie kann das Gefühl, das der Sender hat, in einem Empfänger auf unmittelbare Weise hervorrufen, nämlich als gefühltes Gefühl. Als dessen eigenes, gefühltes Gefühl. Andere Medien, die Musik z.B. oder die bildende Kunst, können den emotionalen Input des Künstlers leichter und ziemlich unmittelbar an den Adressaten weitergeben -, immer vorausgesetzt, der Empfänger, der Hörende oder Schauende, ist offen dafür. Die Sprache hingegen ist zunächst nur ein  rationales Kommunikationsmittel. Und dieses besteht aus einer ganzen Reihe von Zeichen, auf die sich Menschen geeinigt haben, um Wissen und Informationen miteinander zu teilen. Das Gefühl, das in diesem Kontext übermittelt wird, bleibt eine kognitive Botschaft. Das Wort ‚glücklich’, um bei unserem Beispiel zu bleiben, ist ein verbales Zeichen für einen bestimmten Gemütszustand. Es lässt noch kein Gefühl in uns entstehen; vielleicht die kognitive Vorstellung von einem Gefühlszustand. Aber es setzt als solches kein originär emotionales Geschehen in uns frei. Es mag mit erlebten Gefühlen assoziativ verknüpft sein, aber es transportiert doch zunächst nur eine verstandesmäßige Information.
 
   Wie aber schafft es die Sprache, das luftige Gewebe eines gefühlten Erlebens so einzufangen, dass es im anderen als ein Gefühl wieder aufsteigt?

Lassen Sie mich hier zunächst ein Beispiel einflechten (Seithe 2000).
Um den Unterschied zwischen einer gefühlsnahen und einer informativen Sprache zu verdeutlichen, gebe ich Ihnen zuerst die rationale Version einer von einem Gedicht ausgedrückten Botschaft wieder, dann das Gedicht selbst. Entscheiden sie, welche der beiden Varianten ein Gefühl in Ihnen auslöst.  
Hier die rationale Version:

Beim Haarewaschen auf dem Land überkam mich ein Glücksgefühl mit Anklängen von Vertrautheit und Geborgenheit.

Fühlen Sie etwas? – Jetzt das Gedicht von Sarah Kirsch (Kirsch 1979):

Beim Haarewaschen auf dem Land

Mit rotem Handtuch raus in die Sonne.
Warme Wolkenschatten auf Steinen
Akazienblättern.
Ich sehe durch den Kamm in das Licht –
Alles vertraut.

   Unvergleichlich mehr Fülle und Sinnlichkeit! Hier wird gesagt, was sie sieht und auf der Haut spürt. Die Farbe Rot, Sonnenlicht, Wärme, die schöne Lichtbrechung im Kamm und die gefühlsnahe Feststellung ‚Alles vertraut’ lösen das Glückgefühl unmittelbar in uns aus  – vorausgesetzt natürlich, wir sind bereit und fähig dazu. Wir fühlen es in uns selbst. Es entsteht in uns als Gefühl und verknüpft sich dabei mit unseren eigenen Erinnerungsspuren von Glück.
    
   Sprachlich gibt das Gedicht ein visuelles Bild, eine sinnlich erlebt Szene wieder. Darüber hinaus finden sich nonverbale Qualitäten, wie z. B. die Tönung der Vokale und die Konsonantenanklänge in ‚Warme Wolkenschatten’, also akustisch musikalische Elemente der Sprache. Sie lassen das auszudrückende Gefühl von Glück und Geborgenheit lebendig werden. Die Struktur der Sätze folgt der Wahrnehmung. Rationale Verknüpfungen entfallen. Und was in uns entsteht, ist ein starkes Gefühl, eine gefühlsnahe Stimmung, ohne dass diese sprachlich direkt benannt worden wäre.  

   Wie also schafft es die Sprache, hatten wir uns eingangs gefragt, ein gefühltes Erleben so einzufangen, dass es im anderen, nämlich dem Empfänger, als dessen eigenes Gefühl lebendig wird?

   Der Sender, der Schreibende oder Sprechende, wenn er selbst ein Gefühl erlebt, implantiert  etwas in seine Sprache, meist völlig unbewusst, das über das rationale Zeichen hinausgeht. Es mag Teil der oben erwähnten Körpersprache sein, die hier aber ganz in den Sprachduktus einfließt. Es ist nicht mehr eine Gestik oder Mimik des Körpers, sondern ein dynamisches und klangliches Merkmal, das der Sprache selber anhaftet. Die Sprache selbst, also auch die schriftlich niedergelegte Sprache, speichert diese Qualitäten. Da gibt es, wie am Beispiel oben schon hervorgehoben, den Rhythmus, der sich aus den Hebungen und Senkungen der Worte im Satzgefüge ergibt. Da ist die Klangfarbe bestimmter Vokale. Diese können eine nahezu musikalische Qualität annehmen, je nachdem, ob sie eine tiefe oder hohe, kurze oder lange Intonation beinhalten. Auch die Härte oder Weichheit spielt eine Rolle, besonders bei den Konsonanten. Ich behaupte, dass solche Merkmale Ausdrucksmittel sind, die ganz automatisch in die Sprache einfließen, wenn wir unter dem Einfluss starker Gefühle stehen – und das nicht nur beim Dichter. Es ist quasi eine Art körperliche Begleiterscheinung unserer rationalen Sprache, eine Begleiterscheinung aber, die nicht dem Körper (oder nicht nur dem Körper), sondern der Sprache selbst zukommt. Es sind freilich diejenigen Qualitäten, die schon Freud beschäftigt haben, wenn er darüber nachgedacht hat, wie Dichter die Schranken überwinden, die sich zwischen jedem Ich und dem andern erheben. Er nannte diese Fähigkeit ‚ars poetica’ (Freud 1908) und wies darauf hin, dass es dabei um eine Umformung des Erlebten unter Verwendung ‚averbaler’ Qualitäten gehe. Nur – und das behaupte ich -, dass diese averbalen Qualitäten die Versprachlichung eines Gefühls meist eher intuitiv oder automatisch begleiten, auch beim Dichter. Er wird sie in den seltensten Fällen bewusst herstellen. In jedem Fall aber wirkt hier eine außersprachliche, dem Gefühl nachgebildete Qualität auf die Sprache ein und verwandelt sie.
   
   Das ist aber noch nicht alles, was Sprache kann, wenn es darum geht, ein emotional getöntes Erleben über die Worte direkt zum Adressaten zu transportieren. Der zweite entscheidende Weg geht über das Bild, über das Bild, das von der rationalen Sprache mit ihren semantischen Möglichkeiten gezeichnet und nachgebildet ist. Es ist eine in Sprache gefasste, bildliche Vorstellung, ein Sprachbild. Es ist eine Ab-bildung der Realität, nicht ihre rationale Bezeichnung. Eine menschliche oder zwischenmenschliche Szene kann es ebenso sein, wie ein Bild aus der Natur oder dem Alltag. Es muss aber konkret sein, sinnlich und emotional nachvollziehbar. ‚Warme Wolkenschatten … Ich sehe durch den Kamm in das Licht …’. Ein solches Bild, das eng mit dem auszudrückenden Gefühl verknüpft ist, findet der Schreibende, wenn er seinem Gefühl Raum gibt, ebenfalls intuitiv. Das in ihm auftauchende Bild ist dann eine Art automatischer Ergänzung seines emotionalen Erlebens, eine unmittelbare Umsetzung des Gefühls. Und nun beginnt die Kommunikation zwischen Sender und Empfänger.
      
   Der Schreibende findet in sich ein Bild, das er unter dem Einfluss eines bestimmten Gefühls direkt sinnlich erfahren oder aus dem Erinnerungspotential seines Unbewussten geschöpft hat. Das Bild entspringt dabei seinem aktuellen Gefühl. Es ist in gewisser Weise mit seinem emotionalen Zustand identisch, bzw. entspricht diesem.
   In dieser bildhaften Vorstellung, die er sprachlich gestaltet, speichert der Dichter gewissermaßen sein Gefühl ab. Der Leser nimmt dieses Bild in sich auf, und es entsteht in ihm nun seinerseits ein Gefühl. Es ist dem Gefühl, das der Schreibende vermittelt hatte, sehr ähnlich. Zugleich ist es aber - durch die Erfahrung des Lesers mit den im Bild ausgedrückten Inhalten -  auch etwas Originäres. Es ist im Innenleben des Lesers neu belebt worden und aus dem Kontext seiner eigenen Assoziationen quasi als etwas Neues hervorgegangen (Seithe 1994, 1997a, 2000). Die dichterische Sprache bedient sich also des Bildes, um emotionale Erlebnisse im anderen so auftauchen zu lassen, als wären sie im andern entstanden.

   Nun drängt sich natürlich die Frage auf: Wie kommt es, dass ein Bild, ein visueller Eindruck und andere sinnliche Qualitäten so leicht ein Gefühl in uns auslösen? Woran liegt es, dass Rhythmus und Klangfarbe ein emotionales Erleben so viel eher transportieren, als es rational orientierte Wortgefüge tun?

   Es gibt in der Tat eine enge Verbindung sinnlicher Eindrücke mit Affekten. Diese Verbindung beruht auf der ganzheitlichen Erlebnisweise, wie sie in frühen Entwicklungsstufen des Lebens vorherrscht. Am Beginn unseres Lebens werden nämlich sensomotorische und kinästhetische Eindrücke, aber auch andere, z. B. visuelle oder akustische Sinnesqualitäten noch nicht abgegrenzt von den Gefühlen wahrgenommen. Es geht dabei um ein ganzheitliches Erleben dieser Wahrnehmungen, das in präverbaler Zeit vorherrscht und später weiter fortbesteht (Müller-Braunschweig 1997). Noch im Erwachsenenalter erleben wir deshalb eine verstärkte Assoziationsbereitschaft zwischen Gefühl und akustischen oder olfaktorischen Reizen. Aber auch für die visuellen Muster, wie etwa für das in der Sprache nachgezeichnete Bild, ist der ursprünglich ganzheitliche Nährboden von Gefühl und sinnlicher Wahrnehmung später noch überaus wirksam. So erklärt sich, dass nicht nur die sinnlich unmittelbaren Qualitäten der Sprache (Rhythmus, Klangfarbe etc.), sondern auch das Sprachbild prädestiniert ist, Emotionen in uns auszulösen. Indem die Sprache einen visuellen Vorgang, mitunter auch einen haptischen, akustischen oder sensomotorischen, immer aber einen sinnlich erlebten, nachzeichnet, liefert sie zugleich das auslösende Reizmuster für ein Gefühl. Das schafft sie mit den semantischen Mitteln einer zunächst auf kognitive Verständigung ausgelegten Sprachkonvention.

   Wir haben nun geklärt, wie das Wort, bzw. die Sprache ein Gefühl quasi speichern und als gefühltes Gefühl (nicht nur als kognitiven Inhalt) an ein anderes Individuum weitergeben kann. Lassen Sie uns nun fragen, was das für die Psychotherapie bedeutet.
 
   Die Psychotherapie vollzieht sich überwiegend im kommunikativen Medium der Sprache. Ein Gespräch oder zumindest eine sprachliche Interaktion bilden in der Regel die Basis der Verständigung. Der Patient spricht über seine leidvollen Erfahrungen, der Therapeut vermittelt sein Verstehen und führt den Patienten durch verbale Interventionen auf einen Weg, der hilfreich ist.
 
   Im Zentrum dieser Gespräche aber stehen Erlebnisse, denen Gefühle anhaften, auch wenn der Patient sie noch nicht spüren oder aussprechen kann. Um diese Gefühle geht es, wenn Veränderungsprozesse angeregt werden sollen. Diese Gefühle müssen sich entfalten. Sie müssen wieder belebt, durchlebt, erkannt und verstanden werden. Wir können nun fragen, welche Mittel nutzt die Psychotherapie, um emotionale Prozesse zu fördern?
 
   Eine kognitive Sprache im therapeutischen Gespräch stößt kognitive Prozesse an und wäre langfristig kontraproduktiv. Denn verstandesmäßige Einsichten sind kaum in der Lage, tiefgreifende Veränderungen im Patienten zu bewirken.
Gelingt dem Therapeuten jedoch eine emotionale Sprache, ist er in der Lage, Gefühle anzusprechen, gefühlsmäßiges Erleben im Patienten wachzurufen und selbst einfühlsam zu begleiten, kann womöglich etwas bewegt werden. Denn das Gefühl ist der Schmelztiegel, in dem sich alte pathogene und verhärtete Muster auflösen können.

   Die Psychoanalyse wusste das von jeher, wenn sie die Übertragung zum Vehikel der therapeutischen Prozesse gemacht hat. In der Übertragung leben Gefühle auf, und zwar die für die Entwicklung der Neurose entscheidenden und frühen.
   Für alle psychotherapeutischen Ansätze aber wird gelten, dass es hilfreich für den Patienten ist, sich emotional verstanden zu fühlen - und dass es heilsam ist, wieder zu fühlen, sich wieder lebendig zu fühlen -, auch wenn es vorübergehend schmerzhaft ist.

   Wie gelingt es dann dem Therapeuten, eine emotionale Sprache zu entwickeln? Wie gelingt es ihm, bei seinem Patienten Gefühle zu fördern?

   Eine echte innere Anteilnahme drückt sich körperlich, mimisch und nicht zuletzt auch sprachlich unmittelbar aus. Vielleicht neigt er sich vor, seine Gesichtzüge spiegeln den Affekt, in den er sich empathisch einfühlt, und in seiner Stimme schwingt mit, was er Anteil nehmend gerade fühlt. Seine Sprache ist also, der emotionalen Situation entsprechend, weich, liebevoll, aufmunternd oder auch energisch Halt gebend. Sie wird, neben anderen körperlichen Hinweisen, gerade durch ihre averbalen Qualitäten die emotionale Beteiligung am Erleben des Patienten ausdrücken. Der Patient spürt, dass der Therapeut mitfühlt und erlebt sich ‚gespiegelt’, d. h. nichts anderes als verstanden. Sich verstanden zu fühlen, bedeutet auf eine sehr basale Weise, nicht einsam zu sein, nicht alleine - mit diesem Problem und überhaupt als Mensch. Das tröstet und hilft. Es setzt Ich-Kräfte frei, die sogar helfen können, das Problem hernach alleine zu meistern.

   Aber die Sprache des Therapeuten vermag noch mehr. Sie kann das Verstehen einer emotionalen Situation in ein Bild kleiden: „Sie sehnen sich wie ein Kind nach der Hand der Mutter.“ „Du fühlst dich wie in einem Gefängnis.“ „Ich habe das Empfinden, als stünde da zwischen uns eine Wand aus Glas, die Ihnen aber im Augenblick einen wichtigen Schutz gibt.“
Das Bild, dessen sich die Sprache bedient, erreicht das Gefühl um Vieles direkter, als würde das gefühlsmäßig Verstandene in kognitiver Sprache ausgedrückt. Etwas so: „Sie suchen Halt und Geborgenheit.“ „Du fühlst dich nicht frei in deinem Verhalten.“ „Sie brauchen eine schützende Distanz.“ Das Maß, in dem sich der Patient über ein angebotenes Sprachbild verstanden fühlt, dürfte deutlich größer sein, als bei kognitiver Rückmeldung. Das Bild bewegt vermutlich auch in der Dynamik des therapeutischen Geschehens mehr. Es ist eindrücklicher, bleibt anders haften, rührt mehr im Patienten auf. Es führt auch leichter zur Akzeptanz der eigenen Gefühle und dazu, sich ihnen zu stellen -, um sie letztlich zu begreifen.

   Andererseits erleichtert ein in Sprache gekleidetes Bild auch das Verstehen des Therapeuten. Einmal vermittelte eine Patientin im Vorgespräch einer Therapie ihre Situation folgendermaßen: „Ich liege in einer Wüste aus Eis.“ Ich war sofort ‚im Bilde’. Es bedurfte keiner weiteren Erklärung, um gefühlsmäßig zu erfassen, wie es ihr ging (Seithe 1997a, 2000).

   Die KIP bietet ein hervorragendes Medium für den Patienten, sich im Bild emotional verständlich zu machen und selbst zu verstehen. Das Bild fördert auf breiter Basis den Zugang zum Gefühl.
Die wechselseitige Verbindung zwischen Bild und Gefühl, diese alte Verbindung aus präverbaler Zeit, ermöglicht einerseits, dass ein starkes Gefühl relativ leicht ein Bild in uns aufruft, erst recht im entspannten Zustand des therapeutischen Imaginierens. Andererseits kann ein imaginiertes Bild starke Gefühle auslösen. Bilder von denen wir berührt oder angerührt sind, haben oft eine starke und heilsame Wirkung. Schwierige Gefühle können unter dem Schutz des Therapeuten ausgehalten und abreagiert werden. Andererseits bekommen die eigenen Gefühle durch das Anschauen und Beschreiben des Bildes (Aktivierung von Ich-Funktionen) eine sich konkretisierende und damit fassbare Gestalt. Man kann ihnen entgegentreten, sie quasi von außen anschauen. Sie werden durch einen Prozess der Objektivierung zu etwas Erkennbarem, das nun auch kognitiv erkannt und in seiner Bedeutung erfasst werden kann. So kommen die Patienten über die Konfrontation mit ihren eigenen Imaginationen oft ganz von selbst zu wichtigen, aussprechbaren Deutungen ihrer Bilder (Leuner 1994) -, vor allem aber auch zu einem Wieder-Annehmen und Integrieren der vorher abgewehrten Gefühle.

   Die Nähe zum Gefühl ist, wie wir wissen, beim „Bilderleben“ der Katathym-Imaginativen Psychotherapie einer der zentralen Wirkfaktoren. Die therapeutische Anregung, zu einem sprachlich angebotenen Bildmotiv zu imaginieren, setzt bei dieser Methode Bilder in Gang, und Bilder haben die Tendenz, Gefühle in uns auszulösen.  
Gefühle aber sind das zentrale Agens der Psychotherapie. So verbinden sich auch hier - wie in der Dichtung - Wort, Gefühl und Imagination auf wunderbare Weise und werden wirksam.  



Literatur


Freud, S. (1908):  Der Dichter und das Phantasieren. GW VII.

Kirsch, S. (1971):  Rückenwind. Gedichte. Ebenhausen: Langewiesche-Brandt

Leuner, H. (1994):  Lehrbuch der Katathym-imaginativen Psychotherapie. Bern: Huber. 3. Aufl.,  

Müller-Braunschweig, H. ( 1997):  Zur gegenwärtigen Situation der körperbezogenen
Psychotherapie. Psychotherapeut 42: 132–144.

Seithe, A. (1994):  Schöpferische Imagination und sprachliche Gestaltung. Imagination, 4

Seithe, A. (1997a):  Sprachbilder als Motiv in der Katathym-imaginativen Psychotherapie. In:
Kottje-Birnbacher, L. , Sachsse U., Wilke, E.: Die Imagination in der Psychotherapie. Bern: Huber

Seithe, A. (2000):  Die Rolle des Bildes bei der verbalen Kommunikation von Gefühlen. In:
Salvisberg, H., Stigler M., Maxeiner, V.: Erfahrung träumend zur Sprache bringen. Bern: Huber  




Zusammenfassung:


Das luftige Gewebe eines gefühlten Erlebens mit der Sprache so einfangen, dass es im anderen als ein Gefühl wieder aufsteigt …. Möglich wird dies, wenn die Sprache jenseits ihrer Begrifflichkeit Bilder ‚malt’ und Szenen schildert. Und wenn sie außerdem von ihren averbalen Mitteln Gebrauch macht, wie Klangfarbe, Rhythmus u. a. m..
Es wird erläutert, wie diese speziellen Möglichkeiten der Sprache genutzt werden können, welchen Vorteil sie bieten, etwa im Rahmen der Kunst -, und welchen Einfluss sie allgemein für die Psychotherapie bereithalten. Auch die ganz besondere Wirkungsweise der imaginativen Psychotherapiemethode (KIP) wird in diesem Zusammenhang beleuchtet.    


Schlüsselwörter:

Sprache, Gefühl, Kunst, KIP




Autorin:

Angelica Seithe-Blümer  
Dipl.-Psych., psychologische Psychotherapeutin, eigene Praxis, Dozentin der AGKB; Autorin von Lyrik und Kurzprosa.  
Burgstraße 36
D-35435 Wettenberg (bei Gießen)