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Kreativität – Rausch und Disziplin

Angelica Seithe-Blümer

Kreativer Rausch und Disziplin, ein Gegensatz, unvereinbar, wie es auf den ersten Blick den Anschein hat ….
 
Disziplin ist eine Eigenschaft, die in der Klischeevorstellung vom chaotischen Künstler nicht vorkommt. Den stellt man sich eher als einen Menschen vor, der es mit Ordnung und Pünktlichkeit nicht so genau nimmt, der sich lässig, wenn nicht nachlässig kleidet, vielleicht sogar ein wenig ungepflegt daherkommt, emotional sprunghaft ist, mitunter labil, desorientiert, auf jeden Fall spielerisch und Bedürfnis orientiert. Ein landläufiges Vorurteil, das selbst den kreativen Wissenschaftler nicht vollständig verschont.
Und ist es gänzlich falsch? Oh, es kann richtig sein, aber auch falsch zugleich. Selbst ein so grenzüberschreitendes Genie wie Picasso soll geregelte Arbeitsabläufe bevorzugt haben (Holm-Hadulla, 2011).

Neulich hörte ich von einem Interview mit Daniel Kehlmann, in dem der bekannte Schriftsteller (Die Vermessung der Welt u. a.) äußerte, er habe kein Internet, - jedenfalls nicht in Zeiten, wo er schreibe. Es lenke ihn ab.

Reiner Kunze setzt den Besucher seines Arbeitszimmers in Erstaunen: Sein Schreibtisch sehe so „aufgeräumt“ aus. Und der Dichter spielt sofort mit den Worten: „aufgeräumt“, das sei er wohl selbst, wenn er an seinen Schreibtisch trete.   

Von dem berühmten Regisseur Fassbinder wird im Radio berichtet, er habe am Set äußerst diszipliniert gearbeitet, mit hoher Konzentration, habe jede einzelne Szene genauestens vorbereitet, habe nichts dem Zufall überlassen.

Lassen Sie mich noch eine eindruckvolle Äußerung anfügen, die ich in Horst Bieneks „Werkstattgespräche mit Schriftstellern“ gefunden habe. Marie-Luise Kaschnitz berichtet dort in einem Interview folgendes: "Wenn ich, wie jetzt, an einer längeren Prosaarbeit bin, dann nehme ich mir vor, ein tägliches Pensum (2 3 Seiten) zu erfüllen. Das heißt, mich an den Schreibtisch zu zwingen, auch wenn ich nicht die geringste Lust habe oder fürchte, dass mir nichts einfallen wird." ... Das Schwierigste ist "eben die Konzentration. Auch das Ich lasse dich nicht, d. h. die Kraft, bei der Sache zu bleiben, bis man die Genauigkeit erreicht hat ..." (Bienek, 1962).

Und doch müssen diese Menschen, um kreativ zu sein, d. h. etwas Neues zu schaffen (durch Neukombination von Informationen, Holm-Hadulla 2011, S.71),  die herkömmliche Ordnung der Dinge loslassen können. Sie müssen spielerisch sein, sich beeindrucken und vorübergehend labilisieren lassen. Sie müssen die alten Strukturen nicht nur loslassen, sondern verflüssigen, wenn nicht zerstören, um Neues zu finden. Und das dadurch entstehende Chaos darf sie nicht schrecken.

Im Gegenteil, sie müssen bereit und fähig sein, in der die Inspiration vorbereitenden Phase (in der Kreativitätstheorie zuweilen Inkubation genannt) ein gewisses Maß an chaotischer Unordnung zu ertragen, indem sie sich einem ungelösten Thema über längere Zeit hindurch überlassen und die damit verbundene Spannung aushalten. Was eine ganz besondere Form von Selbstdisziplin darstellt … „bei der Sache zu bleiben“, wie Marie-Luise Kaschnitz sagt, „bis man die Genauigkeit erreicht hat“. 

Schon Nietzsche betont die zerstörerischen Aspekte des Kreativen. Für ihn wird das Chaos geradezu zur Bedingung des Schöpferischen. „Ich sage euch: man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können.“ (Nietzsche, zitiert nach Holm-Hadulla, 2011)
Auch für ihn also entsteht das Neue durch ein Zerstören des Althergebrachten.

Aber dann spricht Nietzsche auch von der Offenbarung. Gemeint ist das, was die moderne Kreativitätstheorie mit Inspiration oder Illumination bezeichnet. Mit „unsäglicher Sicherheit und Freiheit werde plötzlich, so Nietzsche, etwas „sichtbar, […] etwas, das einen „im Tiefsten erschüttert und umwirft. Man hört, man sucht nicht; man nimmt – man fragt nicht, wer das gibt; wie ein Blitz leuchtet ein Gedanke auf, mit der Notwendigkeit in der Form, ohne Zögern […] ein vollkommenes Außer-sich-sein […] Alles geschieht im höchsten Grade unfreiwillig, aber wie in einem Sturm von Freiheitsgefühl, von Unbedingtsein, von Macht, von Göttlichkeit“ (1888-1889/1988, VI, S.339, zitiert nach Holm-Hadulla, 2011).

So beschreibt Nietzsche den Rausch der Inspiration. Es ist jener Moment, in dem sich das Chaos zu einer neuen stimmigen Ordnung formiert, der Moment, wo die inkohärenten Zustände, wie die moderne Psychologie sagt, eine Phase von Kohärenz erreichen, was hohen Belohnungswert hat.

(Kohärenz = Zusammenhang; Kohärenzfaktor = die durch räumliche Nachbarschaft, Ähnlichkeit, Symmetrie o. ä. Faktoren bewirkte Vereinigung von Einzelempfindungen zu einem Gestaltzusammenhang)

Die inkohärenten Zustände, das sind gemäß der Kreativitätstheorie jene Phasen, in denen die Lösung verzweifelt gesucht wird, in denen ausgehalten werden muss, dass die alte Ordnung nicht mehr gilt und die neue noch nicht erreicht wurde (das Chaos). Oft ist die Suche hier ermüdend und über lange Strecken vergeblich. Trotzdem ist es wichtig, durch angestrengtes Suchen auf der bewussten Ebene, auch im Unbewussten eine intensive Bedürfnisspannung in Richtung Problemlösung (Zeigarnik, 1927) zu erzeugen. Denn es ist letztlich diese unbewusst regressive Ebene, in der sich die kreativen Lösungen vorbereiten – und zwar durch Neukombinationen ihrer Inhalte (Seithe, 1997, 2000) .Während dieser Vorgänge muss die Aufmerksamkeit u. U. zwischen verschiedenen Bewusstseinszuständen in der Schwebe gehalten und zugleich die enorme Spannung eines ungelösten Problems ausgehalten werden (Müller Braunschweig, 1984). Das wiederum erfordert Durchhaltevermögen und Frustrationstoleranz, mithin Disziplin.
Wenn sich aber diese enorme Spannung löst, weil das unbewusste Suchsystem dem Bewusstsein eine stimmige Lösung anbietet, wenn sich das Chaos also zu einer Ordnung, das Unzusammenhängende (Inkohärente) zu einer neuen guten Gestalt, zu einer stimmigen Einheit (Kohärenz) formiert, dann erleben wir ein Glücksgefühl, einen rauschhaften Zustand – es ist das Zusammenpassen von Bedürfnis und Welt, von Innen und Außen, von Freiheit und Geborgenheit zugleich, es ist das Gefühl, ganz zu sein und heil und doch ein harmonischer Teil dieses Ganzen. 
 
Das Wohlgefühl, dieser Rausch, mit dem die Inspiration einhergeht, hat übrigens ein neuro-biologisches Korrelat. Wahrscheinlich fungiere, so Holm-Hadulla (2011), das Erreichen hoher Kohärenz als ein Signal dafür, dass ein Lösungsergebnis erreicht wurde. Das wiederum aktiviere ein entsprechendes Bewertungssystem. Die Aktivierung eines Bewertungssystems aber gehe immer mit positiven Empfindung einher (Holm-Hadulla, 2011).

Die Psychoanalyse findet ihre eigenen Erklärungsmuster für dieses rauschhafte Erleben im Moment der Lösungsfindung, - die sich aber nicht grundsätzlich im Widerspruch befinden mit neuro-biologischen Erkenntnissen und Beschreibungsmustern.
 
Aber lassen Sie mich vorher noch ein Beispiel bringen von einem Schaffensmoment, bei dem sich das kreative Material in einer Art rauschnahem Dämmerzustand quasi schubartig aus dem Betroffenen heraus wirft.
 
Der Lyriker Gottfried Benn beschreibt die Entstehung seines berühmten Zyklus ,Morgue’ folgendermaßen:
,Als ich die ‚Morgue’ schrieb, mit der ich begann und die später in so viele Sprachen übersetzt wurde, war es abends. Ich wohnte im Nordwesten von Berlin und hatte im Moabiter Krankenhaus einen Sektionskursus gehabt. Es war ein Zyklus von 6 Gedichten, die alle in der gleichen Stunde aufstiegen, sich herauswarfen, da waren, vorher war nichts von ihnen da; als der Dämmerzustand endete, war ich leer, hungernd, taumelnd und stieg schwierig hervor aus dem großen Verfall." (Bienek, 1962)

Nun aber zum Erklärungsmodell der Psychoanalyse. 
In der psychoanalytischen Literatur wird im Hinblick auf das Hochgefühl im Moment der Inspiration von einem glückhaften Gefühl wiedererlangter Einheit, Ganzheit und Wertschätzung gesprochen und das Urbild für dieses rauschhafte Erleben in der ursprünglichen Verschmelzung des kleinen Kindes mit dem guten Objekt gesehen (Müller-Braunschweig, 1984).

So habe die Aktivierung einer schöpferischen Qualität anfangs der Überwindung von Trennungsangst gegolten. Das teilweise durch Trennungen verunsicherte Kind, so wird gesagt, könne unter günstigen Umständen lernen, sich das Erlebnis von Widerspiegelung, Ganzheit und Wohlbefinden zumindest teilweise selbst zu schaffen, indem es sich etwa durch Laute und Worte oder durch besondere optische Phantasien "die spiegelnde Umwelt" der frühen Mutter herstelle. Das Kind erlebt sich hierdurch unabhängiger, autonomer und vor Verlassenwerden stärker geschützt (Müller Braunschweig, 1984; Seithe, 1996).

Diese primäre Kreativität hat Ähnlichkeit mit einem Übergangsobjekt, in dem sich das kleine Kind einen Ersatz für die abwesende Mutter schafft.

Beim Übergangsobjekt ist es der weiche Lappen, der Bettzipfel oder die Puppe. Sie sind Niederschlag einer Beziehung und deshalb für das Kind von unschätzbarem Wert. Sie überbrücken die, auf dieser Entwicklungsstufe noch nicht vorhandene Fähigkeit, ein inneres Bild von der Mutter zu vergegenwärtigen, d. h. Repräsentanzen zu bilden. Im Übergangobjekt kann die missliche Realität einer vorübergehend fehlenden Mutter und die damit verbundene Trennungsangst spielerisch ausgeglichen werden.

Mit zunehmender Reife freilich wird das Kind - wie später der Erwachsene - zunehmend unabhängig vom konkreten Gegenstand. Es spielt, um innere und äußere Realität zu vermitteln, mit Gedanken, Vorstellungen und Phantasien - und erreicht so emotionale und kognitive Kohärenz (Holm-Hadulla, 2011). Dieser intermediäre Erfahrungsbereich aber, so Winnicott, „der dem Säugling zwischen primärer Kreativität und objektiver, auf Realitätsprüfung beruhender Wahrnehmung gewährt wird, und der nicht im Hinblick auf seine Zugehörigkeit zur inneren oder äußeren Realität in Frage gestellt wird, […] bleibt das Leben lang für außergewöhnliche Erfahrungen im Bereich der Kunst, der Religion, der Imagination und der schöpferischen wissenschaftlichen Arbeit erhalten“ (Winnicott, 1971, S. 25, zitiert nach Holm-Hadulla, 2011). 
 
Aber auch später im Leben, so möchte ich behaupten, hat das gelungene Werk neben anderem oft die Bedeutung eines guten Objektes, oder besser gesagt, eines Selbstobjektes, mit dem sich der schöpferische Mensch (als mit einem Teil von sich selbst) im Kontakt und Austausch befindet. Auch hier stellt sich dem gelungenen Werk gegenüber – zumindest im Moment der Inspiration - das Gefühl glückhafter Einheit und Stimmigkeit ein, die ein Abbild sein mag von jener frühen guten Kommunikation. Der Schaffende findet sich in seinem Werk heil und ganz, wie das Kind im Kontakt mit der es (wider)spiegelnden Mutter (Müller Braunschweig, 1984).

Die Psychoanalyse also führt das rauschhafte Gefühl beim Finden einer neuen Lösung oder einer - das innere Erleben vermittelnden - kreativen Gestaltung zurück auf die Wiederbelebung einer frühen Erfahrung vollkommener Stimmigkeit zwischen Mutter und Kind.

So kann auch der alte Lyriker Wilhelm Lehmann auf die Frage, was er am liebsten in seinem Leben getan habe, antworten: "Mich von der Wirklichkeit des kreatürlichen Daseins überfallen [...] lassen, in den Zustand […] geraten, in dem mir ein Gedicht [...] gelang ..." (Bienek, 1962).
Es ist auch hier die Urerfahrung einer Auflösung von Spannung, eines seligen Einsseins mit dem Dasein. Es ereignet sich das Heile, das Ganze, die glückhafte Einheit, die im schöpferischen Akt immer wieder einen Moment lang spürbar wird.

Soviel zum „Rausch“, bzw. zu dem, was wir hier (etwas salopp pointiert) als „Rausch“ bezeichnen. Es ist keine Ekstase, wohl aber ein intensives Glücksgefühl, das einen Menschen über die normale Gefühlslage weit hinausheben kann.
 
Der rauschhafte Moment aber reicht in der Regel nicht aus, um ein Werk Realität werden zu lassen. 
Der neue Einfall, die neue Ordnung, die den inkohärenten Zustand beendet hat, muss nun aufgegriffen, gestaltet und ausgearbeitet werden. Und das kann mühevoll sein. Hier sind Eigenschaften erforderlich wie Selbstdisziplin, Konzentration, Durchhaltevermögen, Widerstandsfähigkeit.
Zwar vermag das rauschhafte Gefühl, das die Inspiration begleitet hatte, eine hohe Motivation, ja Leidenschaft, in Gang zu bringen. Aber im Detail sind jetzt andere Fähigkeiten gefragt, die viel mit Genauigkeit, ordnender Gestaltungskraft, aber auch mit Frustrations- und Kränkungstoleranz zu tun haben.

Dazu gleich mehr. Aber die Disziplin, die erforderlich ist, um ein wie immer geartetes Werk zustande zu bringen, fängt eigentlich schon da an, wo im Vorfeld (vielleicht schon in früher Jugend) Wissen, handwerkliches Können, Fertigkeiten erworben werden. „Es gibt keine Intuition ohne verfügbares Wissen. Der kreative Funke kann nur das Vorhandene entzünden“ (Holm-Hadulla, 2011). Und auch die Gestaltung des Erlebten setzt ein Können voraus, das jemand sich oft genug unter großer Disziplin und Ausdauer erworben hat. Denken Sie nur an die Perfektionierungsvorgänge beim Erlernen eines Instruments einschließlich der begleitenden Notenkenntnis, insbesondere natürlich auch der Fähigkeit, musikalische Einfälle notentechnisch exakt notieren zu können.

Schon Hegel betont, dass Talent und Genius – zweifellos Voraussetzungen des Schöpferischen - doch der praktischen Übung und der geduldigen Ausgestaltung bedürfen. Zu einer Fertigkeit hierin, sagt er, verhelfe keine Begeisterung, sondern nur Reflexion, Fleiß und Übung (Hegel, Bd 13, S. 46 f., zitiert nach Holm-Hadulla, 2011).

Wie eingangs schon an einigen Beispielen deutlich wurde, sind es oft gerade die erfolgreich Schöpferischen, die dem Klischee vom chaotischen Künstler zumindest in Bereichen ihrer Arbeit am Werk keineswegs entsprechen. (Sie mögen in anderen Persönlichkeitsbereichen chaotisch sein, in der Gestaltung und Verfolgung ihrer Arbeit sind sie es oft gerade nicht.)

Sie sind nicht nur in der Lage, die neue Ordnung, die neue Idee, die neuartige Lösung auszubrüten. Sie sind auch fähig, diese als neu zu erkennen und aufzugreifen. Dazu aber, sagt Holm-Hadulla (2011), seien „Achtsamkeit und Disziplin vonnöten“. Auch bedürfe es einer Persönlichkeit, die genügend ausgebildet, strukturiert und selbstsicher sei, um das neu Gesehene ins Werk zu setzen.

Neben Leidenschaft, Neugier und Originalität sei jetzt die Widerstandsfähigkeit gefragt, um den meist langsamen Fortschritt der Arbeit und damit eventuell einhergehende Enttäuschungen ertragen zu können. Das Festhalten der neuen Idee und ihre mühsame Darstellung oder Gestaltung in der Realisierungs- oder Ausarbeitungsphase erfordern Geduld und Durchhaltefähigkeit. Denken Sie z. B. an das oben angeführte Beispiel von Marie-Luise Kaschnitz. Sie spricht von einer Konzentration, von einem „Ich-lasse-dich-nicht“, d. h. von der Kraft, „bei der Sache zu bleiben, bis man die Genauigkeit erreicht hat“.

Zur Disziplin gehört sicher auch, dass der Kreative bereit und fähig sein muss, das entstehende Werk selbst kritisch zu überprüfen – und von anderen prüfen und beurteilen zu lassen. Dieser Prozess, so Holm-Hadulla, wird meist von Enttäuschungen und Kränkungen, sowie berechtigter und unberechtigter Kritik begleitet. „Wie Kreative damit umgehen“, ob sie durch das Urteil der Freunde, Mentoren und der Öffentlichkeit angespornt oder gelähmt werden, „ist weniger eine Frage des Talents als vielmehr ihrer Persönlichkeit und ihrer Lebenssituation.“
Denken Sie an den Schriftsteller Martin Walser. Er wurde von Marcel Reich-Ranicki erst gelobt, dann so abgrundtief niedergemacht, dass er nah daran war, zu verzweifeln und das Schreiben aufzugeben. Aber er tat es nicht, es war ihm eine zu wichtige, zu unentbehrliche Lebensäußerung – und er schrieb im Anschluss an diesen angeblichen Flop seinen Bestseller „Das Fliehende Pferd“.

In jeder Phase des kreativen Prozesses also treffen wir auf das Wechselspiel zwischen Ordnung und Chaos, zwischen Schöpfung und Zerstörung (Holm-Hadulla, 2011). Zerstörung und Chaos scheinen wichtig zu sein, damit etwas Neues entstehen kann. Das rauschhafte Erleben aber entspringt der Überwindung des Chaos. Es signalisiert eine neue Ordnung und die darin wiedererlangte Kohärenz. Sein glückhaftes Moment wieder gewonnener Einheit und Ganzheit hat Anklänge an die frühe, spiegelnde Kommunikation zwischen Mutter und Kind.
Doch obgleich das Chaos in der Illuminationsphase, d.h. während der Inspiration,  plötzlich geordnet zu sein scheint, wird diese neue Ordnung doch in der Phase der Ausarbeitung und Durchführung wieder und wieder durch abweichende Ideen bedroht. Auch die Verifikation, also die Phase, in der das Werk überprüft und beurteilt wird, in der z. B. ein Verlag gefunden werden muss, ist „ein Wechselbad von innerer und äußerer Bestätigung und Strukturierung sowie von Kritik und Labilisierung“ (Holm-Hadulla, 2011).
So erfährt man von manchen Literaten, dass ein späterer Erfolgsroman zunächst von vielen Verlagen zurückgewiesen wurde. Der Lyriker Ernst Jandl z. B. soll jahrelang von Verlag zu Verlag getingelt sein, bevor er einen fand, der seine experimentelle Lyrik herauszugeben bereit war. (Er besuchte unter anderem Suhrkamp und Luchterhand, wo er jedoch Ablehnungen erhielt. Erst später, auf dem Umweg über einen Schweizer Verlag (Walter Verlag), schaffte er es schließlich (über einen Eklat), von Luchterhand verlegt zu werden.) 

Wesentlich für den Schaffenden ist es also letztlich, diesen Wechsel zwischen Disziplin und spielerischem Verhalten, Anspannung und Entspannung, Kohärenz und Inkohärenz, Struktur und Flexibilität ertragen und gestalten zu können.

Wenn wir uns abschließend noch einmal fragen, welche Bedeutung dieses Zusammentreffen  anscheinend so unvereinbarer Züge für den kreativen Prozess hat, - dieser labilisierende Umgang mit dem Chaos einerseits, aus dessen Überwindung schließlich der motivationsstiftende  „Rausch“ hervorgeht, und andererseits die Selbstdisziplin und Strukturiertheit der Persönlichkeit, - so ergibt sich daraus eine einzige Antwort: Es muss beides zusammenkommen, damit kreative Impulse und Einfälle auch in die Realität umgesetzt werden – es muss beides zusammenwirken, damit ein Werk entstehen kann.
  

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Literatur


Bienek, Horst (1962): Werkstattgespräche mit Schriftstellern. Carl Hanser Verlag, München.
Holm-Hadulla, Rainer M. (2011): Kreativität zwischen Schöpfung und Zerstörung.
       Vandenhoeck & Rubrecht, Göttingen.
Müller-Braunschweig, H.(1984): Unbewusster Prozess und Objektivierung. Freiburger
      Literaturpsychologische Gespräche 3. Peter Lang, Frankfurt/M..
Müller Braunschweig, H. (1977): Aspekte einer psychoanalytischen
                      Kreativitätstheorie. Psyche 31, 1977,821 843.
Seithe, A. (1996):  Kreativität als Ressource. Imagination 4/1996.
Seithe, A. (1997): Die Rolle der Imagination im Rahmen kreativer Prozesse.  In:
                      Imagination in der Psychotherapie. Hg.: L. Kottje-Birnbacher, U.
                      Sachsse, E. Wilke. Verlag Hans Huber, Bern; Göttingen; Toronto;
                      Seattle.
Seithe, A. (2000): Die Rolle des Bildes bei der verbalen Kommunikation von Gefühlen. In:
     Salvisberg, H., Stigler, M., Maxeiner, V. (Hrsg.): Erfahrung träumend zur Sprache
     bringen. Huber, Bern.