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                                                                     SONNENAUFGANG
                                                                       Angelica Seithe

Sie stand immer noch am Fenster, als die beiden Lehrerinnen hereinkamen. „Janina, was machst du hier? Warum bist du nicht in euerm Schlafraum?“ Janina drehte sich zu ihnen um. Die beiden hatten sich in ihre Sommermäntel gehüllt, es war noch frisch. „Ich hab den Sonnenaufgang beobachtet“, sagte Janina. Beinahe atemlos. Und mit einem vagen Gefühl, sich bloßzustellen: „Das war so wahnsinnig! Man müsste ein Dichter sein!“.
   Frau K. sah ihre Kollegin kurz von der Seite an. Mitleidig amüsiert. „Um einen Sonnenaufgang zu beschreiben, muss man kein Dichter sein“, sagte sie knapp. Und als würde sie ein zerknülltes Blatt in den Papierkorb werfen, wandte sie sich zur Tür. Beide gingen hinaus.
   Janina blieb zurück. Ungläubig. Sie setzte sich auf einen Plastiktisch. Was sie gesehen hatte, würde so einfach nicht zu beschreiben sein. Schon gar nicht von ihr. Und dennoch. Da war diese Sehnsucht, etwas festzuhalten mit Worten.
   Sie hatte eine schwere Zeit durchgemacht. Nach den Sommerferien am See hatte sie plötzlich keine Kraft mehr, zu nichts, und sie weinte viel, ohne zu wissen warum. Einem Arzt, zu dem ihre Mutter sie mitnahm und der sie nach Liebeskummer befragte, wäre sie fast ins Gesicht gesprungen. Das kam für sie nicht infrage. Sie hatte sich nicht verliebt … Es hatte da etwas gegeben, im Wasser des Sees. Aber das war nichts, nein, nichts von Bedeutung. Eine diffuse Erinnerung, unwichtig, wie alles in diesem Urlaub mit ihren Eltern. Nur als sie heimkam, war sie plötzlich wie abgeschnitten von jeder Energie. Sie war zu keiner Anstrengung in der Lage. Es blieb ihr nichts übrig: Sie ließ es laufen und wartete ab. Ihre Mitschülerinnen kamen ihr fremd vor. Die Klasse war neu zusammengesetzt worden. Freundinnen, an denen sie gehangen hatte, hatten die Schule gewechselt oder waren weggezogen. Janina nahm nur dumpf wahr, dass sie sich unglücklich fühlte. Nichts war dramatisch. Doch alles war schleppend und unfroh. Dann kam im frühen Sommer die Klassenfahrt. Man fuhr mit dem Zug in ein Schullandheim. Zwei Lehrerinnen begleiteten die Reise.
   Janina saß überall daneben. Sie war allein. Sie kämpfte sich durch den öden Brei ihres Lebens. Zwar hatte sie ihre Gitarre bei sich, auch diesmal, aber die war nur ein guter  Kamerad. Keine Möglichkeit mehr, Kontakt zu finden, wie früher.
   Und so kam es, dass sie sich mitten in der Nacht aus ihrem Schlafraum schlich, um vom Fenster eines Speisesaals der aufgehenden Sonne zuzusehen. Von ihrem Bett aus hatte sie beobachtet, wie der Himmel immer heller wurde. Es hatte sie magisch angezogen.
   Jetzt sah sie hinaus. Das Land war noch dunkel. Über der schwarzen Kontur ferner Hügel lag ein orangefarbener Saum, dessen gelbes Licht sich ins frühe Blau verflüchtigte. Eine einzelne Baumkrone hob sich ab. Noch wie im Schlaf. Über ihr stand ein mächtiges Gewölk, purpurn behaucht. Ein dunkler Keil, der den Himmel zum Osten hin freigab.
   Dann entzündete sich plötzlich die schwarze Horizontlinie. Etwas Gleißendes schob sich zwischen zwei Hügeln empor. Janina konnte kaum hinsehen, so hell. Ein flammender Ball. Für einen Moment schien er mit seinem Strahlenkranz vor die schwarze Kulisse zu treten. Er schwemmte ein rötliches Licht über die Weiden. Zaunpfähle warfen lange Schatten, hielten sich an den Händen und machten einen großen Kreis. Die Sonne war wiedergeboren. Sie verzauberte das schlafende Land. Und Janina sah ihr zu. Wie sie aufstieg und alles in warmes Strömen verwandelte. Der Aufruhr der Vögel drang herein. Es wurde immer heller auf den Wiesen. Der Baum leuchtete, als wäre er erwacht. Das dunkle, purpurne Gewölk über ihm war weitergewandert. Janina hatte vergessen, wo sie war. Sie spürte keine Kälte, sie vergaß das Fenster, an dem sie stand, den Rahmen, den sie berührte. Da öffnete sich die Tür und die beiden Lehrerinnen traten ein.
   Man müsste ein Dichter sein!, hatte Janina gesagt, enthusiastisch und atemlos. Um einen Sonnenaufgang zu beschreiben, muss man kein Dichter sein -, muss man kein Dichter sein, muss man kein Dichter sein, hallte es in ihr.   
   Janina saß noch eine Weile auf ihrem Plastiktisch. Dann stand sie auf, ging zum Papierkorb, bückte sich und fischte etwas heraus. Es war … ein zerknülltes Blatt. ‚Dämmerung am Badesee’ stand da gekritzelt. Sie strich die Falten glatt und schrieb langsam, aber bestimmt, ‚Sonnenaufgang’ darunter.


                                                                        * * *