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Michael Starke (Schriftsteller, Lyriker) zu Regenlicht : 

 
Zwischen Leben und Tod
„im Herbstwind/ Warten auf Post/ Kein Blatt ist von Dir“

Es sind zuweilen eigentümliche Wege, die dahin führen, mit den Gedichten einer Dichterin oder
eines Dichters Bekanntschaft zu schließen und fast obsessiv zu beginnen, sich für sie im Detail
zu interessieren. In meinem Fall war es ein Wettbewerbsgedicht von Angelica Seithe, das ich las
und mich ertappt und angerührt fühlte und auf seltsame Weise angesprochen, als gäbe es noch
Zeichen und Wunder. Darauf habe ich ihre lieferbaren Bücher bestellt und bin an ihrem 2013
erschienenen Gedichtband „Regenlicht“ hängengeblieben, der Gedichte und Haikus enthält
und zum Poetischsten zählt, was ich seit längerem lesen durfte und nicht nur für mich allein
behalten möchte.
Angelica Seithes Gedichte sind große und kleine Kunstwerke, die auf wundersame Weise die
großen Themen der Dichter „das dunkelrote Leben“ und den Tod, Erfahrungen, „dünnblusig“
und „gehärtet fürs eigene Leben“ wie Trauer, Zorn, Einsamkeit, Sehnen und Hoffen in Sprache
bringen und Poesie um etwas Wesentliches bereichern, Eigenwilligkeit und Authentizität.
Wie sie es versteht, alles Menschliche, Empfindungen und Gefühle, „aufgeplatzt in den Nähten“,
in präzise Beobachtungen und Wahrnehmungen aus der Natur zu übersetzen, ist einmalig und
eine Klasse für sich, mit der sie ihren Dichterschwestern Ingeborg Bachmann und Annette von
Droste-Hülshoff, wie es Sarah Kirsch einmal fragend für sich ausdrückte, durchaus „das Wasser
reichen“ kann, dichte und originelle Sprachbilder, eine unglaubliche Verquickung von Natur und
Sprache, von Botschaften und Jahreszeiten, Liedern und Lebensgefühl, Gedichte wie Gemälde
von Max Ernst, van Gogh, Picasso, Spencer Stanhope oder Caspar David Friedrich, die sie auf
ihre eigene Weise abklopft und interpretiert.
„Doch einer sitzt auf Sand/ mit seinen Wünschen/ hat eine Flasche Mondlicht weit/ ins
Wüstenmeer geworfen.“
Ihre Gedichte sind Angelica Seithes besondere Art der Kommunikation, und da es in der Regel
Naturgedichte sind, wird auch ihr Vehikel, die Sprache, „Stück um Stück“ Natur: „Hier pflückte
ich einmal/ Duft für den Schreibtisch/ nicht an den Zahlen, nicht/ am Buchstabenholz zu/
ersticken“. Oder: „Hautnah an den/ Wurzeln der Worte/ ist das Schweigen größer“.
Alle ihre Gedichte umgibt ein Flair von Melancholie, wahrscheinlich weil es der Natur der
Dichterin entspricht, „hart und spröde wie eingetrocknete Freude“. Aber dieses Flair ist
keineswegs störend, sondern ein besonderer Reiz dieser Gedichte, deren Schönheit anders
nicht zu denken ist: „Ohne Boden// Du bohrst mein Boot an/ Einsamkeit dringt ein/ aus
heiterem See// Der Boden in mir/ leck geschlagen. Ich stopfe/ das Loch mit Lyrik.“
In der Natur sind diese Gedichte beheimatet, auf dem Land, an Seen, dem Meer, aber auch
auf Reisen in die Bretagne, nach Venedig, „Im Flug“.
In ihnen geht es, wie schon erwähnt, um alle großen Themen, auch um „Verwandlung“,
„Zuneigung“, „Gezeiten der Liebe“ oder „Entrücktes Erinnern“: „Bin ein Buch/ aufgeschlagen
von meiner Sehnsucht/ Doch Schnee fiel auf die Seiten/ durchweinte jede Zeile/ alles verwischt“.
Sie haben eine eigene unverwechselbare Melodie, die ohne Interpunktion auskommt, aber
im Gedächtnis „Sonnengefiedert“ hängenbleibt: „Du rufst/ durchs Röhricht// Mir musiziert/
ein Wind in den Ohren/ Das Schilf hört nicht auf/ metallisch zu singen/ Die Wellen rennen/
silbern an Land// Da zieht ein Bussard Kreise/ in den Adern/ wird es ruhig// Das aufgewühlte
Sediment/ sinkt ab/ auf Sand und Grund/ wo Stille ist/ sieht man die Steine/ ruhen“.
Sie sind verkörperte Poesie, „mohnsüchtig“, „eine Prozession von Duft und Farben“.
Sie sind „frisch gepflügtes Leben“, „pelziges Hummelglück“, „dünnwandig wie/ atmender Ton.
Und ich denke, sie gehören zu denjenigen, die bleiben, „Silberne Rüstung/ für einen rauen Tag.“
Für mich sind sie unverzichtbare Gesprächspartner geworden, schön wie „Mohnblumen ohne
Boden gemalt.

                                                                                                                  Michael Starke
(Die Brücke 167, 3/2014 )