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Rüdiger Jung (Pfarrer, Haiku-Poet) zu Im Schatten der Äpfel. Ausgewählte Gedichte, 2016 :
 

Angelica Seithe ist eine „meiner“ Autorinnen. Will sagen : was sie zu Gedicht bekommt, betrifft mich, interessiert mich, geht mich etwas an. Und die ebenso kunstvolle wie unprätentiöse Art, in der sie das Ihre zu sagen vermag, ist eine, von der man sich unversehens wünscht, es könne die eigene sein.

Ihre jüngsten Bände „Über der strömenden Zeit“ und „Regenlicht“ sind mir vertraut. Nun eröffnen mir „Ausgewählte Gedichte“ unter dem Titel „Im Schatten der Äpfel“ einen Querschnitt durch die fünf vorangegangenen Bände. Die Faszination eines solchen Querschnitts hat durchaus auch etwas Trügerisches : die Hoffnung, einen Autorenweg nachvollziehen, ihn sich gleichsam „erklären“ zu können. Als das Frühwerk Paul Celans erschien, war unverkennbar, daß nicht der Schlüssel, sondern allenfalls der Anfang eines hermetischen Werkes, eines erratischen Blocks, gehoben war. Mein Eindruck bei Angelica Seithe – ohne daß ich sie einem Hermetismus zuordnen würde – ist nicht unähnlich. Da scheint jemand gleich zu Beginn über das volle Repertoire sprachlicher und stilistischer Möglichkeiten verfügt zu haben. Die volle Orchestrierung steht schon zu Beginn, um alle Möglichkeiten auszuschöpfen.

Passend zum Titel ist das bildnerische Entree des ausnehmend schönen Bandes, die Reproduktion eines Ausschnitts aus Vincent van Goghs „Blühendem Baumgarten“ von 1889. Die Suche nach Vorbildern Angelica Seithes ist müßig. Nicht,  weil sie nicht ab und an ahnbar würden. Eher, weil da jemand von Beginn an seinen eigenen Weg geht.  Natürlich gibt es Reminiszenzen. Natürlich hat man Ingeborg Bachmanns „Anrufung des Großen Bären“ im Hinterkopf, wenn man Seithes „Erwartung des Großen Bären“ aufschlägt. Aber wie verblüffend eigen ist hier der Zugang :                    (…)

             

Hier      

zieht das Grillenzirpen

die Sterne an

Der Deichselwagen parkt

an meinem First 

 

Verräterisch

flackert mein Windlicht               (S.44)

An anderer Stelle erinnert mich ein geradezu surrealer Humor an die metaphysische Heiterkeit und Tiefgründigkeit eines Jan Skacel:

DER AUSSTEIGER

 

Ein Baum

nimmt Abschied von seinem Wald

Er lässt die Früchte des Jahres

dem Wild 

Stapft hinaus

auf die leuchtende Wiese

 

Wohin

wird ihm der Vogel folgen

wenn er sein Nest

davongehen sieht

 

übers Meer             (S.53)

Wenn eines die Lyrikerin Angelica Seithe in besonderer Weise auszeichnet, dann das sichere Gespür für Ambivalenzen und dafür, sie ins Wort zu bringen :

MORGEN

 

Morgen also komme ich

Morgen also breche ich

hier alles ab

nehme das letzte Brett

trag es ins Feuer und

bin bei dir

 

dem Dach ohne Haus

aber mit

einem Morgen voller Vögel             (S.47)

Das „Morgen“ ist voller Aufbruch und Wagnis, die das „also“ unterstreicht. Aber gerade dieses „also“ birgt ein Fragezeichen in sich, ob das lyrische Ich diesen Weg – bei aller Beherztheit und Bewunderung  - dann auch fassen und gehen wird. Vergessen wir nicht : ein „Morgen“, das zum Heute wird , ist kein „Morgen“ mehr …

SCHWINDEL

 

Ich sah dich tanzen

auf einem Seil

halsbrecherisch

 

Ich glaubte

es dir gleichtun zu müssen

 

Nun aus der Höhe

vorsichtig balancierend

sehe ich

dein Netz              (S.50)

 Vorbild oder Verführer ? Das Gedicht entscheidet es nicht, läßt offen, ob sich der „Schwindel“ der Höhe oder der Täuschung verdankt, läßt offen, ob „dein Netz“ Rettungsanker oder Fangnetz ist.

Unsere Sprache ist bemüht, zu bestimmen, zu verorten, zu definieren. Allenfalls die Lyrik trifft die Schwebe, das Dazwischen :

ERLENAST

 

So halb in die Strömung gehängt

umflutet mich Wasser

bewegt mich der Wind

 

Es ist

weil ich gebrochen bin

und noch am Baum            (S.74)

Dieses lyrische Gespür für Ambivalenz ist es auch, dem gegeben ist, Untiefe und Paradox der Trauerarbeit auszuloten :

NACHRICHT

 

Er war gestorben

 

Sie fand den schwarz geränderten Brief

unter der Weihnachtspost

 

Zweimal ertappte sie sich

bei dem Gedanken ihn anzurufen

um ihn zu fragen

was denn passiert sei            (S.65)

Das Motiv des von Petrus imitierten Seewandels Jesu begegnet in dem ganz anderen Themenfeld  erotischer Dichtung  - gipfelnd in einem ebenso neuen und verblüffenden wie zwingenden Bild :

SEEWEG

 

Seit ich dich habe
geh ich mit nackten
Füßen über den See
 
Du stehst an jedem Ufer
die Hände

lächelnd in den Taschen

als wäre der See ein kleiner
mit Wellen gepflasterter
Platz              (S.72)

„Du stehst am Ufer“ hat als Ausdruck übermenschlicher, gleichsam märchenhafter Souveränität auch noch etwas von Hase und Igel !

Die Liebesgedichte Angelica Seithes empfinde ich gerade da als sehr stark, wo das Gegenüber abwesend ist und ersehnt wird. Gerade da hat die Lyrik ihr eigenes Recht und ihre eigenen geradezu beschwörenden Möglichkeiten. Das hat etwas von einem Zauber, der seiner Wirkung nie gewiss sein kann und gerade daher berührt. In „Ohne Dich“ etwa, wo das Verlassensein durch den geliebten Menschen, seine Abwesenheit, die Sehnsucht nach ihm sich „durch die wunde Luft“ zieht :

(…)

Das alles

zwischen zwei roten Maschen die ich stricke

an einer Mütze für den Winter

Der kommt barfuß            (S.19)

„Wieder allein“ erfährt die Welt ohne den andern  als sinnentleert und vermag die eigene Not nurmehr im Paradoxon zu erfassen :

(…)

Ich tue Dinge, die

nicht mehr getan werden müssen

 

Im schönsten Sommer bin ich

wie unter Wasser getaucht.

 

Taub vor Stille             (S.63)

Das lyrische Stilmittel des Indirekten lotet die Unberechenbarkeit der Umwege aus, die Gefühl und Gedanke nehmen :

VERSCHONT

 

Das Telefon läuten lassen

Nicht abnehmen

Nicht wissen, wer es war  

Nicht wissen, dass du

es nicht warst              (S.32)

 Das zuletzt zitierte Gedicht verweist auf eine Domäne der Lyrikerin Angelica Seithe : das Kurzgedicht, dem in äußerster Verknappung  und Pointierung ein Höchstmaß an Prägnanz und Konzentration  gelingt.

ZÜGE

 

Überhaupt

ist es immer der andere

Bahnsteig

auf dem mein Zug gerade steht             (S.26)

Der Leser denkt an ein Mißgeschick, das – oft genug erlebt – als Verhängnis erfahren wird. Als Verhängnis ? Nicht doch auch als geheimer Wunsch ? Das vermeintliche Ungeschick des Zu-spät-Kommens und Bleibens als vorzeigbarer Hinderungsgrund der ungeliebten Abfahrt ? Vielleicht. Aber immerhin ist es „mein Zug“, der da „am anderen / Bahnsteig“  steht, also wohl doch jener, den es zu nehmen gälte. Es ist die Defizienz letzter Entscheidbarkeiten, die unser Leben prägt. Und die Gedichte Angelica Seithes.

Diese Auswahl aus sieben Bänden (seit 1981) weckt in mir den Wunsch, immer mehr von dieser hervorragenden Lyrik kennenzulernen. Eine Auswahl – auch die bestmögliche – wird immer eine Auswahl bleiben, im gelungenen Falle (wie hier) repräsentativ, aber doch immer auch noch unvollständig. Gerade in den letzten Jahren reüssiert Angelica Seithe als eine der bemerkenswertesten Haiku-Dichterinnen deutscher Sprache – zumindest ein Aspekt, von dem die ansonsten vorbildliche Auswahl kein Zeugnis ablegt. Es mag sich als durchaus interessant erweisen, dem einen oder anderen Gedicht auf dem Weg zum Haiku zu folgen. „Mit Dir zu Abend“   (S.18), ein Gedicht, das, wenn ich recht orientiert bin, dem Erstling von 1981  entnommen sein dürfte, begegnet – deutlich abgespeckt“ – in „Götterspeise & Satansbraten. Gedichte vom Essen und Trinken“ („Das Gedicht“. Band 23. Hrsg. Von Kerstin Hensel und Anton G. Leitner. Bd. 23. Weßling bei München, November 2015. S.44) :

HAIKU

 

mit dir zu Abend –

die Gräten der Forellen

plötzlich Kopf an Kopf

                                          Rüdiger Jung