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Michael Starcke (Lyriker, Apotheker i.R.) zu Regenlicht

Zwischen Leben und Tod
„im Herbstwind/ Warten auf Post/ Kein Blatt ist von Dir“

Es sind zuweilen eigentümliche Wege, die dahin führen, mit den Gedichten einer Dichterin oder
eines Dichters Bekanntschaft zu schließen und fast obsessiv zu beginnen, sich für sie im Detail
zu interessieren. In meinem Fall war es ein Wettbewerbsgedicht von Angelica Seithe, das ich las
und mich ertappt und angerührt fühlte und auf seltsame Weise angesprochen, als gäbe es noch
Zeichen und Wunder. Darauf habe ich ihre lieferbaren Bücher bestellt und bin an ihrem 2013
erschienenen Gedichtband „Regenlicht“ hängengeblieben, der Gedichte und Haikus enthält
und zum Poetischsten zählt, was ich seit längerem lesen durfte und nicht nur für mich allein
behalten möchte.
Angelica Seithes Gedichte sind große und kleine Kunstwerke, die auf wundersame Weise die
großen Themen der Dichter „das dunkelrote Leben“ und den Tod, Erfahrungen, „dünnblusig“
und „gehärtet fürs eigene Leben“ wie Trauer, Zorn, Einsamkeit, Sehnen und Hoffen in Sprache
bringen und Poesie um etwas Wesentliches bereichern, Eigenwilligkeit und Authentizität.
Wie sie es versteht, alles Menschliche, Empfindungen und Gefühle, „aufgeplatzt in den Nähten“,
in präzise Beobachtungen und Wahrnehmungen aus der Natur zu übersetzen, ist einmalig und
eine Klasse für sich, mit der sie ihren Dichterschwestern Ingeborg Bachmann und Annette von
Droste-Hülshoff, wie es Sarah Kirsch einmal fragend für sich ausdrückte, durchaus „das Wasser
reichen“ kann, dichte und originelle Sprachbilder, eine unglaubliche Verquickung von Natur und
Sprache, von Botschaften und Jahreszeiten, Liedern und Lebensgefühl, Gedichte wie Gemälde
von Max Ernst, van Gogh, Picasso, Spencer Stanhope oder Caspar David Friedrich, die sie auf
ihre eigene Weise abklopft und interpretiert.
„Doch einer sitzt auf Sand/ mit seinen Wünschen/ hat eine Flasche Mondlicht weit/ ins
Wüstenmeer geworfen.“
Ihre Gedichte sind Angelica Seithes besondere Art der Kommunikation, und da es in der Regel
Naturgedichte sind, wird auch ihr Vehikel, die Sprache, „Stück um Stück“ Natur: „Hier pflückte
ich einmal/ Duft für den Schreibtisch/ nicht an den Zahlen, nicht/ am Buchstabenholz zu/
ersticken“. Oder: „Hautnah an den/ Wurzeln der Worte/ ist das Schweigen größer“.
Alle ihre Gedichte umgibt ein Flair von Melancholie, wahrscheinlich weil es der Natur der
Dichterin entspricht, „hart und spröde wie eingetrocknete Freude“. Aber dieses Flair ist
keineswegs störend, sondern ein besonderer Reiz dieser Gedichte, deren Schönheit anders
nicht zu denken ist: „Ohne Boden// Du bohrst mein Boot an/ Einsamkeit dringt ein/ aus
heiterem See// Der Boden in mir/ leck geschlagen. Ich stopfe/ das Loch mit Lyrik.“
In der Natur sind diese Gedichte beheimatet, auf dem Land, an Seen, dem Meer, aber auch
auf Reisen in die Bretagne, nach Venedig, „Im Flug“.
In ihnen geht es, wie schon erwähnt, um alle großen Themen, auch um „Verwandlung“,
„Zuneigung“, „Gezeiten der Liebe“ oder „Entrücktes Erinnern“: „Bin ein Buch/ aufgeschlagen
von meiner Sehnsucht/ Doch Schnee fiel auf die Seiten/ durchweinte jede Zeile/ alles verwischt“.
Sie haben eine eigene unverwechselbare Melodie, die ohne Interpunktion auskommt, aber
im Gedächtnis „Sonnengefiedert“ hängenbleibt: „Du rufst/ durchs Röhricht// Mir musiziert/
ein Wind in den Ohren/ Das Schilf hört nicht auf/ metallisch zu singen/ Die Wellen rennen/
silbern an Land// Da zieht ein Bussard Kreise/ in den Adern/ wird es ruhig// Das aufgewühlte
Sediment/ sinkt ab/ auf Sand und Grund/ wo Stille ist/ sieht man die Steine/ ruhen“.
Sie sind verkörperte Poesie, „mohnsüchtig“, „eine Prozession von Duft und Farben“.
Sie sind „frisch gepflügtes Leben“, „pelziges Hummelglück“, „dünnwandig wie/ atmender Ton.
Und ich denke, sie gehören zu denjenigen, die bleiben, „Silberne Rüstung/ für einen rauen Tag.“
Für mich sind sie unverzichtbare Gesprächspartner geworden, schön wie „Mohnblumen ohne
Boden gemalt.“
                                                                                                               Michael Starcke


http://lyrikwelt.de/  (2014)

Angelica Seithe
Regenlicht
Gedichte
Neues Literaturkontor, Münster 2013
ISBN 978-3-9815731-2-1

 



 

Presseecho

Gießener Anzeiger: „Die Natur ist Angelica Seithe Anlass und Folie für die Nachzeichnung seelischer Vorgänge und Befindlichkeiten, für die dünnhäutige Darstellung menschlicher Beziehung.“ (1983)
Zeitungsartikel (1)

Gießener Allgemeine: „Gefühle, Gedanken und Erinnerungen finden in diesen Gedichten nachvollziehbaren Ausdruck oft in Bildern der Natur. Tiefe, melancholische Empfindungen werden in eine metaphernreiche Sprache übertragen, die die grundlegenden Fragen des Lebens stellt, ohne sie zu beantworten. Im Spannungsfeld von Liebe und Abschied findet Angelica Seithe schöne und treffende Bilder, die auch ohne den Intellekt zu verstehen sind, ohne deshalb banal zu sein.“ (1989)
Zeitungsrezension (2)

Peter Merk, Wetzlaer Neue Zeitung: „… Gedichte schreiben ist für Angelica Seithe‚ sich loslassen wie ein Ballon’, eine schöne Metapher in dem Bändchen ‚Wenn die Treppen aus den Fenstern steigen’ … Besonders stark fand ich dies Gedicht: ‚VERSCHONT // Das Telefon läuten lassen. / Nicht abnehmen. / Nicht wissen, wer es war. / Nicht wissen, daß du / es nicht warst.’ (1990)

Gießener Anzeiger: „Angelica Seithe kehrt in ihren Gedichten Gefühlslagen nach außen, projiziert Unbewußtes in größter Knappheit und ungeheurer Tiefe. …“ (1992)

Alfred Keil, Wetzlaer Neue Zeitung:  Da „landet die 46jährige Treffer, um die man sie beneidet: ‚Wohin soll ich gehen, wenn ich gegangen bin?’ ‚Überhaupt ist es immer der andere Bahnsteig, auf dem mein Zug gerade steht.’“  (1992)

Gießener Anzeiger: „Angelica Seithe beim 10. Literaturwettbewerb der ‚GEDOK’ erfolgreich … Preisgekrönt wurde sie für ihr Gedicht ‚Warten’ aus dem 1993 erschienenen Gedichtband ‚Licht bei geschlossenen Augen’ …“  (1997)
Zeitungsnotiz (3)


Dr. Antje Telgenbüscher (Schriftstellerin, Literaturwissenschaftlerin) zu Brombeerhimmel:

„…. Bilder sind … für die Lyrikerin wesentlich. Das Unbewusste ist die Quelle, aus der sie dem Traum verwandte, surreale Bilder schöpft (‚meine Haare wachsen über den Mond’). Doch nimmt sie auch sehr genau, mit allen Sinnen, ihre Umgebung wahr, vor allem die Natur.
Die Gedichte zeugen von einem ausgeprägten Gefühl für den Klang und den Rhythmus von Sprache. Sie erscheinen in drei Gruppen gegliedert: Unter der Titelzeile ‚Und wir erwachen in meinem Kirschbaum’ ist die Verbundenheit mit dem geliebten Menschen, in geistiger und erotischer Nähe, das Thema, ‚Die Handschrift von sprießendem Gras’ bezieht sich auf Naturgedichte, und ‚In meinem eigenen Schatten’ sind Verse überschrieben, in denen, von Melancholie getönt, das Ich im Zentrum steht.

Bilder der Natur werden bei Angelica Seithe oft zu Sinnbildern, die auf Gefühle und seelische Zustände verweisen. Jedoch spricht sie immer indirekt und lässt die Reflexion hinter dem Bild zurücktreten. Ihr Leser kann die sensible Wahrnehmung der Autorin nachvollziehen, ohne dass ihm eine Deutung aufgezwungen wird. Er ist frei, individuelle Entdeckungen zu machen und das auf sich selbst zu beziehen, was ihn berührt.

Nur noch vereinzelt finden sich ironisch zugespitzte Kurzgedichte, in denen sich die Autorin lakonisch von ihrer anderen, der rationalen Seite zeigt (wie zum Thema Liebe: ‚Computerergebnis: / Was man nicht / eingibt / kommt nicht heraus.’). Die Stimmung ihrer Texte ist gelöster, abgeklärter geworden. Ergänzt werden sie durch Zeichnungen der Autorin, die abstrakt sind und doch unmittelbar einleuchtend Themen dieses ansprechenden Lyrikbandes spiegeln: Eros und Natur. Angelica Seithe hat zu ihrem ganz eigenen Stil gefunden.“ (Amazon 2006)


Alfred Keil (Autor, ehem. Redakteur/Neuen Wetzlaer Zeitung, Buseck-online.de) zu Brombeerhimmel : „Die Wettenberger Autorin hat ihre Dichtung in den letzten Jahren zu einer Meisterschaft entwickelt, die selten ist. Manchmal / mitten im Frühling treffen mich / Winterworte, stellt sie fest und weist auf die Verletzlichkeit der menschlichen Seele hin. Aber sie benennt ihren festen Standort, indem sie sozusagen in einen Stein meißelt: Ich stehe breitbeinig / in meinem eigenen / Schatten. Den Irrtum kennt Angelica Seithe jedoch auch: Die Zähne zusammen und / immer den richtigen Schritt / angestrengt / in die falsche Richtung“.

Barbara Czernek, Gießener Anzeiger zu Über der strömenden Zeit : "Die Gedichte sind skizzenhafte Momente, deren Wirkung auf die Empathie des Lesenden zielt. Ausgehend von einer persönlichen Empfindung erfahren die Gedichte durch den Entstehungsprozess eine Verfremdung und erlangen eine Gültigkeit, die viele Menschen berühren kann.

Gabriele Sümer (Germanistin, Publizistin), aus der Rede der Jury zur Verleihung des Nordhessischen Autorenpreises 2009 – (Sonderpreis Lyrik) :
" . . . Ihre Gedichte lassen Raum für die Vorstellungskraft. Trotzdem zielen sie in ihrer Prägnanz und Schlichtheit direkt auf das Herz. Selbst zwischenmenschliche Verletzungen werden bei ihr zu etwas Kostbarem, das sich zwischen den Zeilen offenbart. Je nach Stimmung jagen beim Lesen kalte oder warme Schauer über die Haut. Das erreicht die Autorin durch zarte Bilder, die nachwirken. Lässt sich die Liebe wirklich wie eine Zecke aus dem Herzen ziehen? Was steht unter der Liebeserklärung? – Natürlich, das Kleingedruckte.“


Antje Telgenbüscher (Schriftstellerin, Literaturwissenschaftlerin) zu Über der strömenden Zeit :


"Wer einmal Gedichte von Angelica Seithe gelesen hat, wird sich an Bilder erinnern. Auch in ihrem neuen Band "Über der strömenden Zeit" überraschen sie den Leser und leuchten unmittelbar ein, Bilder wie diese: "Meine Gefühle für dich / zugeweht vom Sand" oder "Ein Flügelschlag wie schwere Seide" oder "Ein grüner Löwe liegt der Mai / vor meinem Fenster"... Und wenn die "Frühlingshexe" beschworen wird, eine Person kindlich anmutender und zugleich erotisch gefärbter Phantasie, prägt sich dieses Bild ein: "Die Schenkelschere geöffnet / produziert sie Knospen, die / aufspringen, kleine Geschosse / eines ums andre". Originell! Das vergisst man nicht mehr.
Ein anderes Gedicht ("Allein") spielt aufs Märchen an, das so verfremdet wird: "Rapunzel / kämmt ihr / kurzes Haar". Die Geschichte, die darin steckt, kann der Leser sich ausmalen und weitererzählen; Angelica Seithe deutet nur an. Sie ist eine Meisterin des Aussparens. Kein Wort zu viel! Manches erinnert an östliche Lyrik, wie dieser lakonische Dreizeiler, dessen Silbenzahl einem Haiku entspräche, würde die Pause nach dem Seufzer mitzählen: "Auf dem Teppich ein / Lager aus weißen Laken / Ach - nur der Mond".
Ein einziges Wort, ein Zufallsfund vielleicht, kann den poetischen Prozess auslösen. "Salzrosen" ist solch ein Wort, das der Autorin wohl merk-würdig erschienen ist, weil es so Gegensätzliches in sich vereint. In ihrem Gedicht wird ein Liebesbrief zum Schiff, das auf die Seereise geschickt wird und kentert: "Nun liegt er gestrandet / auf einer Klippe / Erbleicht / Setzt Salzrosen an".
Übrigens geht es bei Angelica Seithe nicht nur ernst und getragen zu. Sie schreibt auch mit knappem Witz oder Galgenhumor zwischen den Zeilen, zum Beispiel so: "Lesen: / Das Kleingedruckte / unter der Liebeserklärung".
Angelica Seithes poetische Logik lässt sich gut nachvollziehen. Deshalb sei dieser Band auch jenen empfohlen, die meinen, mit Lyrik von heute nichts anfangen zu können, weil sie zu schwer verständlich sei. Diese Gedichte sind eine Mischung aus Phantasie und sehr genauer Beobachtung. Sie verdanken ihre Schönheit großer Konzentration auf jedes einzelne Wort, die Sprachmelodie der Verse, ihren Rhythmus. Eigentlich muss man sie laut lesen, um ihnen gerecht zu werden. Ihre Themen? Immer noch und immer wieder: Liebe und Natur. Und wie beides der Zeit unterworfen ist." (Am Erker 60, 2010) 

 



Rüdiger Jung (Theologe) zu:  Über der strömenden Zeit. Gedichte. 96 Seiten. 2009.

Münster : Neues Literaturkontor. ISBN  978-3-920591-93-3. Preis: 10,- Euro

 

Es macht Freude, einmal mehr auf eine jener – gar nicht wenigen – Autorinnen zu stoßen,

die in deutscher Sprache Lyrik auf höchstem Niveau schreiben. Reisen haben ihre Gedichte geprägt –

und ein wacher, mehr noch : hellsichtiger Blick auf die Natur. Eindringlich endet das Gedicht „Irische Steilküste“ (S. 39) :
(…)
Und in der Ferne diese Handvoll Häuser
stehengelassen
als das Meer sich zurückzog

 

Keineswegs haben wir es deshalb mit einer harmlosen Idyllikerin zu tun :

 

Krähen

 

Über alten Dächern
greifen sie den Falken an
zerhacken ihm die Kreise, die
er ziehen will
Sie sind zu fünft

 

Wie immer                                                   (S. 76)

 

Spürbar ist die Prägung durch den Fernen Osten. Etwa, wenn in „Chinarestaurant“ (S.37) der „Perlenvorhang“

mit dem Bild der beiden „Pandabären“ aufgerührt wird und dann wieder zur Ruhe findet – geradezu ein Inbild

taoistischer Weltsicht. Dem japanischen Zen entstammt das Haiku, dem Angelica Seithe einen hoch-originellen,

weil absolut unverstellten Blick auf die Welt verdankt :

 

Im Park

 

Tief über uns
fliegen Gänse

Die Bäume schneebetresst
breiten ihre Schwingen aus

Als wollten sie
mitgenommen werden

 

nach Haus                                                         (S. 16)

 

Wenn eines die Frische, Spontaneität, aber auch Treffsicherheit der Gedichte dieser Autorin verbürgt,

dann die ihnen zugrunde liegende ungebrochene Macht kindlichen Staunens :

 

Morgenlicht

 

Für einen Moment
glüht der Morgen auf
über die Bläue
über den Frost

Wenn Großmutter den
Herd geöffnet hatte
um nachzulegen
war so 
unser Staunen                                                      (S. 81)

 

Man hat es vor Augen : das „o“ aus „so“, das den Kindermund formt. Der liebevolle Blick auf das Mitgeschöpf

zahlt auch in diesem Band den hohen Preis der Verletzlichkeit :

 

Wüst

 

Elefanten ziehen zum rettenden Fluss

 

Ein Kalb verliert die Herde
Im platt getrampelten Ödland
allein und durstend
folgt es
den Spuren seiner Mutter

 

In der verkehrten Richtung                                             (S. 36)

 

Kein Blick auf das Leben ohne die Schere des Todes. Es gibt in „Über der strömenden Zeit“ Gedichte,

die erschrecken und erschrecken machen über die Vergänglichkeit. Es gibt aber auch den eindringlichen Versuch,

das Ende als ein Teil des Weges zu sehen und wahrzunehmen :

 

Kretischer Friedhof

 

Ein Friedhof ganz weiß
so weiß wie die
Häuser das Dorf
wie diese Handvoll Muscheln
dem Berg auf den struppigen Bauch gelegt

 

Nur etwas tiefer schon
am Hang und

 

näher zum Meer                                                             (S. 23)

 

Eigentümlich das Gedicht „Noch“ mit vier Sinnabschnitten, die jeweils mit diesem Titel  beginnen.

Scheint es dreimal der Tod zu sein, dem dieses „Noch“ sich entgegenstellt, leuchtet am Ende eine

andere Gefahr auf : das Zerbrechen von Liebe.
(…)
Noch können wir den Schmerz
den wir uns tun
wegstreicheln
mit dem Blick                                                               (S. 38)

 

In Gedichten, von denen wir meinen, es müßten die glücklichsten sein, steht die Liebe im Zeichen

der Unverwundbarkeit. So lese ich den Schluß von „Erntetag“ (S. 21) :
(…)
Wir zusammengerückt
und vor uns nichts
als das verblassende Gold
hinter den dunklen Kiefern 

 

Die stehen Stirn an Stirn

 

Oder auch die Schlußzeile von „Knallerbsen“ (S. 61) :
(…)
Feuerwerk in unsern Taschen
Immer noch

 

Das ist kein irgendwie ängstliches „Immer noch“, eher ein trotziges, mutiges – voller Beharrungs-

und Stehvermögen. Ein anderes Gedicht, das um die Gefahren von Schmerz und Zerstörung weiß,

begegnet ihnen gleichwohl mit einem geradezu unerschütterlichen Urvertrauen :

 

Blick auf den See

 

Zwei Segel, dicht
in gleicher Strömung
gleiten dahin
Berge, wolkenverhangen
Auf der Wassertafel
ein Platzregen von Licht

 

Jetzt
hat das eine Segel gedreht
ist unterwegs nach Westen
weg vom andern

 

Doch die fernen Ufer sind
wie ein Band                                                                 (S. 35)

 

Am andern Ende der Skala ein Gedicht, das für Ernüchterung Worte findet, die in ihrer

traumwandlerischen Präzision an Erich Kästner gemahnen :                          

 

Der Trockenstrauß

 

Du willst ihn auswechseln
Blass ist er geworden, spröde
und staubig
Er steht auf deinem Bord
seit wir uns kennen

 

Du sagst
es war dein erster Strauß

 

Da war noch alles grün
sag ich                                                                       (S. 50)

 

Da ist sie nicht mehr, die eine Wahrheit, bei der sich beide Seiten treffen könnten. –

Unbeschadet der Kraft solcher Gedichte, in denen das Glück wie das Scheitern von Liebe

wortmächtig aufscheinen, habe ich noch ein stärkeres Faible für jene Gedichte, in denen

Angelica Seithe der Beziehung zu ihrem Vater Raum gibt. In einem, „Vater“ betitelt, beschreibt sie

seinen Kopf :
(…)
Der ist noch immer klar
hart und gut -
wie der Kopf der Puppe
den du geschnitzt hast
Die ich mit mir schleifte
überall hin
und die in ihrem
ausgestopften Körper
mein Herz trug

 

hölzern aber 
duftend nach Holz                                                    (S. 62)

 

Es gibt noch ein weiteres Gedicht gegen Ende des Bandes, das inhaltlich unmittelbar an das zitierte

anschließt :

 

Reichtum auf kleiner Mauer

 

Eine zerbeulte Milchbüchse
im Frühling
Ein Birkenscheit
Wippe für zwei Puppen
die nicht da sind
die aber schaukeln
und ein Vater, der da ist
eine Wippe baut
eine Bank
aus Birkenholz

 

Warm von Sonne                                                  (S. 85)

 

Ein Gedicht, an dem jedes deutende Wort – und sei es „Geborgenheit“ – nur abgleiten kann. –

Was bleibt, sind Hall und Nachklang von Versen einer Autorin, die nicht nur sprachsensibel,

nein, auch zutiefst lebens-weise erscheint :

 

Wespe an der Fensterscheibe

 

Auch wir
die Stirn an der Freiheit
finden den offenen Flügel
oft nur durch Zufall
und nur, wenn einer
den Weg uns verschlägt                                       (S. 89)

 

 

 


Wetzlarer Neue Zeitung (Feuilleton) zu Regenlicht :


Die Buch-Kritik
Gedichte
KLAUS P. ANDRIESSEN

Unsere Welt ist voller Bilder. Unaufhörlich strömen sie auf uns ein. Keins bleibt lange im Gedächtnis. Schnell wird das eben noch faszinierende Foto von einem Nachfolger abgelöst. Ein extremerer Bildwinkel, eine neue Farbwirkung, ein anderes Motiv gewinnt die Aufmerksamkeit – manchmal nur für Sekunden. Dass es auch anders geht, zeigen Gedichte von Angelica Seithe. Die Psychologin mit Wohnsitz in Wettenberg (Kreis Gießen) hat bereits einige Preise für ihr lyrisches Schaffen bekommen – und jetzt ein neues Gedichtbändchen mit dem Titel „Regenlicht“ veröffentlicht. Darin finden sich zahlreiche Arbeiten, die in der Betrachtung eines Gemäldes oder einer Landschaft entstanden sind. Sie legen Zeugnis ab von einer ebenso offenen wie persönlichen Auseinandersetzung mit diesen Motiven. Ein schnell zu erzählendes Beispiel ist „Bretagne“: Das Bild von dem kleinen steinernen Haus, das eingekeilt zwischen zwei großen Felsen steht, ist vielen bekannt. Seithe skizziert es mit wenigen Worten und fügt hinzu „dabei täte es gut, mal / hervorzutreten und in hohem Bogen / in die See zu spucken“. Dem Sinn nach könnte es sich dabei um ein Haiku handeln – doch dann müsste der Gedanke auf eine dreizeilige Form verkürzt werden. Die Wettenbergerin nimmt sich die Freiheit, ein paar Zeilen mehr zu schreiben. Damit gewinnt ihr Ausgangsbild erheblich an Schärfe, ohne der Pointe den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Natürlich sind nicht alle Gedichte in dem 96-seitigen Büchlein so rasch nachzuvollziehen. Weil es aber doch einige sind,  bekommt auch der ungeübte Leser Freude daran, sich mit Seithes anderen, dichter gewebten Gedanken zu beschäftigen.
Und das lohnt sich! 

(2013)

 


 

Dr. Franz Blümer (Arzt) zu Regenlicht:

 

Angelica Seithe versteht es, mit unverbrauchten Sprachbildern zu fesseln. Sie führt uns in die Natur und nicht selten auch in die eigenen Abgründe, in denen Schauder, aber auch "Lösungen" auf uns warten. Wege tauchen auf, "mit Erinnern ausgelegt". Vielleicht ziehen wir dabei auch "nichts als den Schleier der Sonne ins Boot" – Aspekte einer "neuen Wirklichkeit"? Oder könnten wir uns nicht sogar darüber wundern, sie nicht selbst schon früher "erinnert" oder bemerkt zu haben?

Auch äußerlich ist es ein schönes Bändchen, das gut in der Hand liegt und dessen mehrschichtige kreative Metaphorik zum Kauf einlädt. (Amazon, 2013)

 

 

 


 
Jürgen Flenker (Schriftsteller) zu Regenlicht

Einleuchtende Gedichte

Wir alle kennen jene „magischen Momente“, in denen man innehält, getroffen von der Besonderheit eines Bildes, eines Erlebens. Die Texte in Angelica Seithes Gedichtband „Regenlicht“ sind Versuche, solche Momente in Sprache zu übersetzen und die Magie des Augenblicks mit Hilfe der Lyrik zu bannen. Kann das gelingen?
Nein, denn selbstverständlich ist das Erlebte nicht wiederholbar. Und ja, denn die Bilder, die sie dafür findet, schaffen etwas Neues, das im Leser selbst einen magischen Moment auslösen kann. Es sind Gedichte, die „einleuchten“. Nicht im Sinne eines Schnellverstehens, vielmehr dadurch, dass sie Erlebtes und Beobachtetes neu ins Licht setzten, in ein Licht, das manchmal klar leuchtet, mitunter aber auch surrealistisch funkelt.
 
„Im Dornenbiss der Rosen träumt die Nacht“
 
Angelica Seithe versteht die Kunst der Verknappung. Zwischen den Kapiteln ihres Bandes hat sie jeweils vier Haikus platziert. Das ist kein Zufall. Die Autorin befasst sich seit vielen Jahren mit dieser fernöstlichen Form der Sprachkonzentration. Gerade den Naturgedichten merkt man das an.
 
„Die Sonne strickt/am Maschendraht/Silberne/Rüstung für einen/neuen Tag“
 
Angelica Seithe präsentiert uns keine hermetischen Sprachrätsel, noch glänzen ihre Gedichte durch intellektuellen Anspielungsreichtum. Es sind vielmehr Versuche, der sprachlichen Verwässerung des Erlebens entgegenzuwirken, oder, wie es im Gedicht „Ohne Boden“ heißt: „ ... Ich stopfe/das Loch mit Lyrik“. In vielen Texten des Buches gelingt der Autorin dieses Unterfangen. Und zwar durch ihre mitunter aufs Äußerste verdichteten Bilder, die in ihrer treffenden und zugleich diskreten Metaphorik zu Sinnbildern werden und eben dadurch den magischen Moment im Leser wieder spürbar werden lassen. (Amazon, 2013)
 

 


 

Michael Starcke  (Lyriker, Apotheker i.R.) zu Regenlicht

Zwischen Leben und Tod
„im Herbstwind/ Warten auf Post/ Kein Blatt ist von Dir“

 

Es sind zuweilen eigentümliche Wege, die dahin führen, mit den Gedichten einer Dichterin oder
eines Dichters Bekanntschaft zu schließen und fast obsessiv zu beginnen, sich für sie im Detail
zu interessieren. In meinem Fall war es ein Wettbewerbsgedicht von Angelica Seithe, das ich las
und mich ertappt und angerührt fühlte und auf seltsame Weise angesprochen, als gäbe es noch
Zeichen und Wunder. Darauf habe ich ihre lieferbaren Bücher bestellt und bin an ihrem 2013
erschienenen Gedichtband „Regenlicht“ hängengeblieben, der Gedichte und Haikus enthält
und zum Poetischsten zählt, was ich seit längerem lesen durfte und nicht nur für mich allein
behalten möchte.
Angelica Seithes Gedichte sind große und kleine Kunstwerke, die auf wundersame Weise die
großen Themen der Dichter „das dunkelrote Leben“ und den Tod, Erfahrungen, „dünnblusig“
und „gehärtet fürs eigene Leben“ wie Trauer, Zorn, Einsamkeit, Sehnen und Hoffen in Sprache
bringen und Poesie um etwas Wesentliches bereichern, Eigenwilligkeit und Authentizität.
Wie sie es versteht, alles Menschliche, Empfindungen und Gefühle, „aufgeplatzt in den Nähten“,
in präzise Beobachtungen und Wahrnehmungen aus der Natur zu übersetzen, ist einmalig und
eine Klasse für sich, mit der sie ihren Dichterschwestern Ingeborg Bachmann und Annette von
Droste-Hülshoff, wie es Sarah Kirsch einmal fragend für sich ausdrückte, durchaus „das Wasser
reichen“ kann, dichte und originelle Sprachbilder, eine unglaubliche Verquickung von Natur und
Sprache, von Botschaften und Jahreszeiten, Liedern und Lebensgefühl, Gedichte wie Gemälde
von Max Ernst, van Gogh, Picasso, Spencer Stanhope oder Caspar David Friedrich, die sie auf
ihre eigene Weise abklopft und interpretiert.
„Doch einer sitzt auf Sand/ mit seinen Wünschen/ hat eine Flasche Mondlicht weit/ ins
Wüstenmeer geworfen.“
Ihre Gedichte sind Angelica Seithes besondere Art der Kommunikation, und da es in der Regel
Naturgedichte sind, wird auch ihr Vehikel, die Sprache, „Stück um Stück“ Natur: „Hier pflückte
ich einmal/ Duft für den Schreibtisch/ nicht an den Zahlen, nicht/ am Buchstabenholz zu/
ersticken“. Oder: „Hautnah an den/ Wurzeln der Worte/ ist das Schweigen größer“.
Alle ihre Gedichte umgibt ein Flair von Melancholie, wahrscheinlich weil es der Natur der
Dichterin entspricht, „hart und spröde wie eingetrocknete Freude“. Aber dieses Flair ist
keineswegs störend, sondern ein besonderer Reiz dieser Gedichte, deren Schönheit anders
nicht zu denken ist: „Ohne Boden// Du bohrst mein Boot an/ Einsamkeit dringt ein/ aus
heiterem See// Der Boden in mir/ leck geschlagen. Ich stopfe/ das Loch mit Lyrik.“
In der Natur sind diese Gedichte beheimatet, auf dem Land, an Seen, dem Meer, aber auch
auf Reisen in die Bretagne, nach Venedig, „Im Flug“.
In ihnen geht es, wie schon erwähnt, um alle großen Themen, auch um „Verwandlung“,
„Zuneigung“, „Gezeiten der Liebe“ oder „Entrücktes Erinnern“: „Bin ein Buch/ aufgeschlagen
von meiner Sehnsucht/ Doch Schnee fiel auf die Seiten/ durchweinte jede Zeile/ alles verwischt“.
Sie haben eine eigene unverwechselbare Melodie, die ohne Interpunktion auskommt, aber
im Gedächtnis „Sonnengefiedert“ hängenbleibt: „Du rufst/ durchs Röhricht// Mir musiziert/
ein Wind in den Ohren/ Das Schilf hört nicht auf/ metallisch zu singen/ Die Wellen rennen/
silbern an Land// Da zieht ein Bussard Kreise/ in den Adern/ wird es ruhig// Das aufgewühlte
Sediment/ sinkt ab/ auf Sand und Grund/ wo Stille ist/ sieht man die Steine/ ruhen“.
Sie sind verkörperte Poesie, „mohnsüchtig“, „eine Prozession von Duft und Farben“.
Sie sind „frisch gepflügtes Leben“, „pelziges Hummelglück“, „dünnwandig wie/ atmender Ton.
Und ich denke, sie gehören zu denjenigen, die bleiben, „Silberne Rüstung/ für einen rauen Tag.“
Für mich sind sie unverzichtbare Gesprächspartner geworden, schön wie „Mohnblumen ohne
Boden gemalt.“
                                                                                                                                               Michael Starcke


http://lyrikwelt.de/ (2014)

 

Angelica Seithe
Regenlicht
Gedichte
Neues Literaturkontor, Münster 2013
ISBN 978-3-9815731-2-1

 

 

 



Rolf Birkholz
(Am Erker) zu Regenlicht :

Land und Leben

Der "Vorhang/ dünn geworden", die Erde "unter unseren Wurzeln" gibt nach: "Durch unsere Zweige/ schimmert / die blanke Klinge/ des Himmels". Mit wenigen Wörtern deutet Angelica Seithe in ihrem Gedicht "Im Blätterfall" eine Veränderung an, etwas leicht Bedrohliches, aber eingebettet im Naturkreislauf. Gefühle mit Naturbeobachtungen zu verbinden, ist die Stärke ihres Bandes Regenlicht.
Gleich darauf sind die Aussichten besser, führt an einem Schneetag "Gegen die Sonne ein Weg/ mit Silber ausgelegt". Einmal schwirrt das dichterische Ich im "Hummelglück" über Wiesen, dann spiegelt es sich in einer Hallig, der mit den Jahren das Meer zusetzt, es "fraß und fraß mir/ Land aus dem Leben".
Immer wieder gelingen der Autorin zarte Verzahnungen von Naturbildern und Stimmungen. In "Gezeiten der Liebe" betrachtet sie das sich im Sandstrand abzeichnende Wechselspiel zwischen Ebbe und Flut. Oder sie spürt "Auf tintentraurigem Meer vor/ schwarzer Wolke" ein weißes Segel als "Glück in die Herzbucht" gleiten.
Ja, sie segelt vielleicht auch ein wenig an der Kitschküste entlang, aber zu dieser wahrt Angelica Seithe doch sicheren Abstand. Dazu trägt bei, dass sie gelegentlich "Waschtag für Gedichte" hält: "die Gedanken in die Strömung hängen / sie fast vergessen und dann/ den Einfall farbig aus den Fluten ziehen".
So erkennt sie die "Botschaft der Sonnenblumen" auch nach deren Verblühen: "Ein Ölkännchen Erinnerung / verborgene/ Glut zu entzünden". Und in "Winterbild" erscheint ihr die halb im Nebelwald steckende Sonne als "die kalte Oblate/ Unsterblichkeit". "Zuneigung" schließlich beschreibt sie als Ort, an den das Licht fällt "durch die Zweige großer stehen gebliebener / Worte"   -   die noch die Himmelsklinge bannen.
 
Angelica Seithe: Regenlicht. Gedichte. 96 Seiten. Neues Literaturkontor. Münster 2013. € 10,00.

 

Am Erker 67 (2014)

 


 

Rüdiger Jung (Theologe) zu Regenlicht

 

Angelica Seithe :  Regenlicht. Gedichte. 96 Seiten. 2013. Münster : Neues Literaturkontor. ISBN  978-3-9815731-2-1. Preis: 10,- Euro

Als Haiku-Autorin macht Angelica Seithe Furore. So nimmt es nicht Wunder, daß sie ihrem zweiten Gedichtband „Regenlicht“ (2009 erschien im selben Verlag „Über der strömenden Zeit“) drei mal vier besonders hervorgehobene Haiku eingeflochten hat. Die Lektüre der übrigen 75 Gedichte erweist die Gründe der Wahlverwandtschaft zur japanischen Poesie. Denn Konzentration und Prägnanz, Frische und Spontaneität erscheinen als die ureigenen Gaben der Lyrikerin. Ihre Meisterschaft mag man daran ersehen, daß ein-und-das-selbe Grundmotiv bei ihr das Potential hat, zwei ganz grundverschiedene Wege zu nehmen :

Land unter

Schon vor Jahren
riss mir das Meer
Land aus dem Leben
Stück um Stück

Ich bäumte mich auf 
legte mich quer -
Ein Deich
der immer aufs Neue
geflickt werden muss

Heute nehm ich es hin
Es geschieht

Einmal
wird nur noch
Meer sein und Licht
wo Land gewesen ist                                                     (S. 19)

 

Die Hallig

Mit den Jahren
hob sich der Spiegel das Meer
fraß und fraß mir
Land aus dem Leben

Immer noch sind die Weiden sehr
grün und die Schafe
haben es gut auch die Pferde
Immer noch steht hier
mein Haus auf der Warft und das rotrote 
Dach schimmert durch meinen einzigen
Baum immer noch hört man
das Rufen der Gänse das Singen der
Schwäne wenn es neblig wird

Wenn das Meer kommt
treibt ganz zuletzt ein rotes
Floß dem Horizont entgegen
einer anderen
Insel zu                                                                             (S. 33)

„Land aus dem Leben“ lautet die Zeile, die beiden Gedichten gemeinsam ist. Dann beginnen die Unterschiede : in „Land unter“ das unverschlüsselte „Ich“, im Parallelgedicht „Die Hallig“, die „Ich“ sagt. In „Land unter“ der Blick meerwärts, in „Die Hallig“ eher der auf das Land und seine Bewohner. In „Land unter“ eine Psychologie des Haltens der Bastion, solange es geht, und Nietzsches „ewige Wiederkehr des Gleichen“, die mit dem Verbleib von „Meer“ und „Licht“ etwas sehr Tröstliches hat. In „Die Hallig“ die bildstarke Beschwörung eines Neuen, ganz Anderen, auf das alles zusteuert. Mit einer „Hallig“ verbindet man beides : ein enges Zusammenrücken, aber auch die Isolation, der das Inseldasein etymologisch eingeschrieben ist. Mit „Liebe“ und „Einsamkeit“ sind die beiden Pole benannt, denen sich die Mehrzahl der Texte Seithes zuordnen lässt.

Die alte Frau

Schnee ist gefallen
Schon wird es Nacht 
Auf weißer Decke nicht eine
Spur, nicht Vogel nicht Katze 
Es kommt kein Besuch
Es kommt keiner heute
es kommt keiner morgen
Sie kehrt und kehrt
immer gründlicher kehrt sie den
Straßenzugang zu ihrem Haus                                      (S. 37)

 

Einsamkeit, die sich nach ihrer Aufhebung sehnt. Das könnte auch der Grund sein, daß im folgenden Gedicht die Dialektik von Sich-(ver-)Bergen-Wollen und Ins-Licht-Gezogen-Werden, von gewolltem Rückzug und ersehnter Gemeinschaft so originär ins Bild gesetzt wird :

Sonnenschächte im Fichtenwald

Stämme dunkel und hoch 
Die Sonne wandelt darin
wie ein Geist in langen Gewändern
Breit ist ihr Schritt, die
Arme als wollte sie alles berühren
den weichen Duft des Bodens und
deinen Weg

Sie brennt ihm Münzen ein aus Licht
Sie meint es gut(S. 71)

Der große Kraftakt des Rückzugs vom Rückzug braucht als Wagnis im finsteren Märchen des Lebens am Ende die Schützenhilfe des Traums :

Brieftaube

Im Schnabel mein
zusammengefaltetes Herz

Mit beiden Händen hab ich sie
in die Luft geworfen 
Sie fliegt

den Schneesturm nicht achtend
in meinem Innern 
fliegt sie 
über die Berge, das Tal
Sie findet ein Dach und

den Schlag
den die Hexe mir
zuschlug
bei Tag

Nachts öffnen ihn Sterne                                               (S. 91)


Die spezifische Ökonomie von Öffnung und Sich-Bedeckt-Halten, von Sich-Verschenken und innerer Reserve ist im virtuellen Zeitalter nicht unbedingt einfacher geworden :

Onlineflirting

Mein Brief an dich
kreuzt gegen den
Wind

Die Segel sehr hell 
streiche ich, rolle ich
ein um nicht zu
schnell am
Ziel zu
sein

Nun liege ich dümpelnd
auf grauem Meer und die
Mailbox
bleibt leer                                                                         (S. 36)


Wer immer am Meer überleben will, muss sich einstellen können auf Ebbe und Flut, muss mit dem Tidenhub umgehen lernen. Eine  Einsicht, die Angelica Seithe an der (wie mir scheint) sommerlichen See auf das Zwischenmenschliche zu übertragen weiß :

Gezeiten der Liebe 

Der Sand 
hat sich in Falten gelegt
als das Meer ihn verließ
zog der Strand die Stirne kraus
Streifenmuster
wie gespurt
für den Rest der Zeit

Doch rauscht mit nächstem Mond
und brandend das Gefühl zurück,
dehnt sich der Strand mit jeder Welle
bis unter die Haarwurzeln seiner Ufer
vor Glück                                                                           (S. 63)


„Glück“, wie es am einfachsten, eindringlichsten und bezwingendsten wohl immer noch Kindermund zu benennen weiß :

Ende der Trennung

Als sie mich endlich holten
um mit mir nach Hause zu gehen
hielten sie mich an den kleinen Händen
und ließen mich
schaukeln zwischen sich

Der Weg war gepflastert mit Glück                              (S. 86)


„Engelchen, Engelchen, flieg !“ – Was mich an Angelica Seithes Lyrik so fasziniert, ist der große Reichtum an Leben und – ja ! – an Weisheit. Schmerzliche Erfahrungen bleiben nicht ausgesperrt, sondern werden mit einer bestechenden Genauigkeit von Gefühl, Gedanke und Wort protokolliert :

Angebot

Sie hat den Bonbon
- glänzend eingepackt und bunt -
an sich vorbeigehen lassen
Er schien nichts wert

Das Leben knistert jetzt
bei all den andern
schmeckt süß, schmeckt übersüß
schmeckt sauer

Das ihre schmeckt nach
nichts                                                                                (S. 79) 


Wie (vermeintlich ! ) leichtgewichtig ist dieser lyrische „Bonbon“. Eine Jugend wird rekapituliert, die das „Angebot“ des Lebens als allzu aufschneiderisch („glänzend eingepackt und bunt“) meinte ausschlagen zu dürfen. Was bleibt ist das ganze Gewicht der verpassten Gelegenheit. Sicher : man kann skeptisch abseits stehen und aus der Distanz (schmunzelnd vielleicht) zuschauen, wie sich den Anderen „süß“ in „übersüß“, schließlich in „sauer“ verwandelt. Aber wie viel mehr sind diese Geschmacksrichtungen immer noch als „nichts“ !
Aber auch wer, als es galt, zugegriffen hat, hat, was er hat, nicht für immer. Es ist der Zauber des Glücks, daß es nicht zu machen, und sein Stachel, daß es nicht zu halten ist : 

Damals

Damals kam ich zum See
Er lag weit ausgestreckt
im Sonnenglanz

Ich erreichte das andere Ufer
mit drei kräftigen Zügen

So war es später
nie wieder
Das ganze Glück
gesetzt
auf eine Karte                                                                  (S. 80)


„Wer nichts wagt, der nicht gewinnt !“ Das Fazit brachte schon die Antike auf den Punkt : „Carpe diem ! Nutze den Tag !“ Was sich übrigens überaus modern und sehr poetisch sagen lässt :

Bretagne

Auf der Landzunge
das kleine Haus hält sich die Ohren zu
mit den Felsblöcken rechts und den
Felsblöcken links zieht es die Schultern hoch

dabei täte es gut, mal
hervorzutreten und in hohem Bogen
in die See zu spucken                                                   (S. 85)


Den eingangs zitierten Gedichten „Land unter“ und „Die Hallig“ war bereits die Perspektive des Wandels und der Vergänglichkeit eingeschrieben. Was bleibt ? Das letzte Gedicht des Bandes zieht Bilanz. Es schönt nicht, leugnet nicht die Macht der Zeit, des Todes, der Vergänglichkeit. Und weiß doch – und sei es ein Taschenspielertrick ! – der Liebe das letzte Wort zuzuspielen, in aller Leichtigkeit :

La danse

zu Pablo Picasso, La danse (1933)

Tanz, wo die
Glieder fliegen und alles, was
schwer ist an uns

sich verwindet
wegdreht 
einander wieder zu

Tanz
der dir gilt und
immer wieder dir

dir und dem Leben
Auch wenn bald
Gras wächst über dir und mir

wir schweben                                                               (S.92)

 



Rüdiger Jung zu Regenlicht


Rezension
Regenlicht von Angelica Seithe. Gedichte.
Neues Literaturkontor, Münster. 2013. ISBN 978-3-9815731-2-1.
96 Seiten.


Ihrem zweiten Gedichtband „Regenlicht“, der in Prägnanz und Konzentration an den im selben Verlag erschienenen Erstling von 2009, „Über der strömenden Zeit“, anknüpft, hat Angelica Seithe drei Seiten mit jeweils vier Haiku eingestreut, die – von zwei Leerseiten umgeben – deutlich von den übrigen Gedichten
abgesetzt sind : auf den Seiten 29, 59 und 77.

mich
ausfädeln bei dir. Aber
der Faden wird länger und länger.         
                                                               (S.57)
Die ganze Ambivalenz eines Beziehungsgeflechts in Haiku-Form. Die erstrebte Trennung misslingt. Der Faden mag länger, lockerer, zwangloser werden, aber – und das ist entscheidend! – er reißt nicht. Beides, die Natur, aber auch das (Zwischen-) Menschliche, hat Raum in Angelica Seithes Haiku. Da wird Einsamkeit geradezu
stofflich und dinglich greifbar:

Garderobenwand
Auf den Schultern der Gästebügel
Staub
                                                              (S. 77)
Und da kann es dem Zentrum menschlichen Empfindens ergehen wie einem Apfel, der die Kerne entbehrt:

gevierteltes Herz
Von Kammer zu Kammer
niemand zu Haus
                                                             (S. 77)
Die Natur begegnet im Modus des Leichten und Leisen, zart und japanisch:

Der Kirschblütenzweig
zittert im Teich. Ein Schmetterling
hat ihn berührt
                                                            (S. 77)
Gerade die Ambivalenz, Offenheit und Mehrdeutigkeit der japanischen Form setzt menschliche Beziehung und Natur in einen  spannungsvollen Kontext:

unser Schweigen.
Eine Schwalbe trennt
den Abendhimmel auf
                                                            (S.77)
Wird das „Auftrennen“ zum Signal der Spaltung? Oder macht da „Eine Schwalbe“ dem lyrischen Wir doch noch einen ganzen Sommer?





Jürgen Brôcan
  zu Im Schatten der Äpfel

Aus einem Gespür für Lakonie und Prägnanz erschafft Angelica Seithe die intensivsten Stimmungsbilder. Hier ist es ein Schattenriss, dort eine Aussparung, hier eine gemeißelte Zeile, dort ein flüchtiger Pinselstrich, die genauso viel Gesagtes wie Ungesagtes ins Gedicht einlassen. Auf behutsame, unaufdringliche Weise werden die Naturbeobachtungen von menschlichen Empfindungen belebt, bis sie einander wechselseitig bereichern. Abschied und Vergänglichkeit, Freude und Entdeckung sind in Seithes Lyrik zu einer Metaphorik verdichtet, die in berührender Schlichtheit die Bedingungen unserer Existenz bis an die Ränder auslotet. „Im Schatten der Äpfel“ versammelt Gedichte aus über dreißig Jahren ― aufgefädelte Zeit, Blütenschnur der Worte.

 

(edition offenes feld, 2016)

www.offenesfeld.de 

 



Literaturfreund, 
Amazon-Kundenrezension  zu Im Schatten der Äpfel

 

Ein Geschenk !

Wer durch Titel und Buchcover verführt meint, eine Sammlung mit leichten, naturnahen Gedichten in den Händen zu halten, dürfte enttäuscht sein. Wer hingegen Lyrik liebt, die einen fordert, deren Tiefe auszuloten gilt und die vor allem Bilder entstehen lässt und Gefühle wachruft, an die man sich nur noch vage zu erinnern vermag, der wird beglückt sein über diesen Gedichtband. Besonders zu empfehlen all denen, die sich in ihrer Zweisamkeit noch etwas zu sagen haben, und die beim gemeinsamen Lesen und Interpretieren der Gedichte ihre eigenen Empfindungen ausloten wollen.
Ich bin begeistert und dankbar.  (Amazon, 2016)

 

 

 



Nora B., Amazon-Kundenrezension  zu Im Schatten der Äpfel

 

Im Fluss geblieben

 

Es ist eine Freude. diese Gedichte zu lesen. Kein Wort zu viel! Angelica Seithe schreibt anschaulich und klar, ohne jeden Drang zum (pseudo)intellektuellen Verrätseln. Bewundernswert, wie sie immer wieder Bilder findet, die unmittelbar einleuchten, ohne Klischee zu sein. „Wieder im Fluss sein“, heißt es in dem frühen Gedicht, mit dem die Sammlung beginnt. Die Poetin Angelica Seithe ist im Fluss geblieben, bis heute. Sie sollte viel bekannter sein, als sie ist. Warum nimmt niemand in den „wichtigen“ Medien von ihr Notiz, oder ist mir da etwas entgangen?  (Amazon, 2016)

 


 



Timo Brandt
(Literaturwissenschaftler aus Wien) zu der Erzählung „Für seine Träume kann man nichts“ im Am Erker 71



Traum-Nummer
Am Erker 71
31.08.2016
Hamburg
Von
Timo Brandt

(…)

Ich mag Texte, die in ihrem Grundton etwas Unterschwelliges haben. Beim ersten Lesen geht man hindurch und findet sich nie ganz zurecht, obwohl einem die Erzählung alles an die Hand gibt. Und wenn am Ende der Bogen sich schließt, wiegt man ihn in der Hand, spannt ihn und versucht herauszufinden, worauf er abzielt. „Für seine Träume kann man nichts“ von Angelica Seithe ist so ein Text. Seinen Motiven – Kindheit, Unschuld, Beichte und eine Zwielichtigkeit um all dies – gelingt eine gute Balance.

(…) (Fixpoetry, Hamburg, 31.08.2016)

 


 



Wetzlarer Neue Zeitung
(Blickpunkt) zu Im Schatten der Äpfel
 
"Sätze beweglichen Silbers"

02.09.2016
Von Klaus P. Andriessen


LYRIK Autorin Seithe im Gespräch
Wettenberg Ein Gedicht schreiben - wie geht das? Jemand, der es wissen muss, ist Angelica Seithe. Die Autorin wohnt in Wettenberg (Kreis Gießen). Sie beschäftigt sich seit ihrer Schulzeit mit Lyrik,  hat mittlerweile sieben Gedichtbände veröffentlicht und viele Preise bekommen.
Gerade ist "Im Schatten der Äpfel" erschienen, eine wunderschöne Sammlung ihrer besten Arbeiten aus vier Jahrzehnten. Gerne war die Psychologin im Ruhestand bereit, dieser Zeitung die Eingangsfrage zu beantworten.
 Erst einmal, so Angelica Seithe, komme es auf eine poetische Idee an: "Ein Schreibeinfall hakt sich fest, vielleicht an einem Kalenderblatt oder einer Szene während einer Autofahrt. Dann habe ich ein Bild, ein Wort oder eine Zeile, womit ich weiterarbeiten kann." Das Verfassen des Gedichtes geschehe dann oft zu einem ganz anderen Zeitpunkt.
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Früher hätte ein Dichter viel stärker als heute die Verslehre beachten müssen, hätte nach einer Fülle von ausgefeilten Regeln Verse zu Strophen und Strophen zum Gedicht zusammengefügt. War er gar so erfolgreich wie Johann Wolfgang von Goethe, dann wurden seine Zeilen später in den Schulen gelesen und mussten auswendig gelernt werden, galten als hohes Bildungsgut.
Viele Bilder stammen aus der Natur, doch eigentlich geht es um Beziehungen und Gefühle
Natürlich beruhte auch Goethes Erfolg darauf, dass er sich keineswegs sklavisch an vorgegebene Regeln hielt. Spätestens seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts haben sich die meisten Autoren aber noch viel stärker von schematischen Reimen und zwingenden poetologischen Vorschriften abgewandt - sie schreiben "freie Verse". "Ich habe zwar in der Schulzeit noch gereimt", erzählt Angelica Seithe, doch habe sie im Nachhinein den Eindruck, sie hätte sich schon zu Beginn ihres Schreibens von den Reimzwängen frei machen sollen. Viel wichtiger als Reime seien der Rhythmus und die musikalische Qualität der Sprache. Beim Schreiben eines Gedichtes stünden diese Eigenschaften ganz im Dienste der Gestaltung des Inhalts, also der ursprünglichen Idee, die zum Ausdruck gebracht werden soll. Seithe: "Ich wende diese Mittel weitgehend unbewusst an. Es ist wie ein rhythmisches Grundmuster, das Wörter und Sätze zusammenfügt."
Warum schreibt Angelica Seithe Gedichte und nicht etwa Romane? "Ich mag keine langen Texte schreiben", sagt die Autorin, "selbst meine kleinen Erzählungen sind sehr kurz.  Es bedeutet mir etwas, den Rhythmus, die Musikalität der Sprache zu verwenden. Und ich habe die Neigung, etwas kurz und prägnant in einem Bild zu sagen."
Die Ideen für Gedichte sind nicht einfach abrufbar, sie stellen sich in bestimmten Stimmungen ein, entstehen plötzlich oder entzünden sich an einem Erlebnis. Für die spätere dichterische Arbeit hat Angelica Seithe eine bevorzugte Zeit, nämlich den frühen Morgen. Und das, obwohl sie sich als Studentin "eindeutig für einen Nachtmenschen" gehalten hatte. Während einige Gedichte "in einem Rutsch" entstehen und vielleicht sogar einfach unterwegs ins Diktiergerät gesprochen werden, brauchen die meisten "richtig viel Arbeit", bis sie vollendet sind. Und ganz abgeschlossen ist das Gedichtschreiben für Angelica Seithe erst, wenn die Werke in schönem Schriftbild in einem Buch stehen. Denn sie möchte "mein Erleben und meine Gefühle kommunizierbar machen und haltbar über die Zeit".
Oft finden sich in den Arbeiten von Angelica Seithe Bilder aus der Natur: In "Fliedermord" etwa ist die Rede von "Blumen im Eis" und "Vogelstimmen im Fliederbaum". Doch der Inhalt auch dieses Gedichts erschöpft sich nicht in der Betrachtung der Natur. Vielmehr geht es um menschliche Gefühle, um Empfindungen in der Beziehung zu anderen Menschen. Die Autorin fühlt sich daher völlig missverstanden, wenn jemand - wie es einmal vor Jahren im germanistischen Seminar an der Uni Gießen geschah - ihre "kleinen Geschöpfe" (Zitat aus "Gedichte") als bloße "Naturlyrik" abqualifiziert. In ihren sprachlichen Bildern verbinden sich innere und äußere Welt, werden Stimmungen, Gefühle und Erkenntnisse weitergegeben, die sonst nicht zu vermitteln wären.  "Ein Bild muss eine Verwurzelung in der Realität haben. Wenn das stimmt und es gleichzeitig noch eine innere Ebene der Gefühle oder der menschlichen Beziehungen hat, dann ist es gelungen."  Die Bilder können dabei durchaus außerhalb der Logik liegen, die Aussage entsteht sogar oft erst aus dem Zusammentreffen gegensätzlicher oder unzusammenhängender Wortbedeutungen. Seithe spricht davon, dass Gedichte einen Teil ihrer Inhalte nicht durch den am Verstand orientierten Sprachgebrauch transportieren, sondern so, wie Gefühle sich mitteilen. "Wenn man sagt ,ich bin traurig', dann teilt sich das Gefühl nicht mit. Das erfordert einen besonderen Rhythmus, Laute und Bilder." Deshalb können Gedichte Menschen tatsächlich berühren.
Häufig werden dazu Metaphern verwendet, über die Angelica Seithe immer wieder nachdenkt. Diese besondere Form des sprachlichen Bildes hat entscheidenden Anteil daran, ob ein Gedicht gut ist - oder nicht über den belächelten Eintrag im Poesie-Album hinauskommt. Gute Metaphern entstehen nach der Erfahrung der Autorin, wenn sie auf einem starken, intensiven Gefühl beruhen. Dann verbinde sich in ihnen ein Bild mit einer eher gefühlten als verstandenen Bedeutung. Ein schönes Beispiel dafür findet sich in Seithes Gedicht "Fischer". Darin lässt sie eine Ähnlichkeit entstehen zwischen Fischern und Dichtern. Während erstere auf viele silberne Fischleiber in ihren Netzen hoffen, sind die Dichter auf "Sätze beweglichen Silbers" aus.
Es kommt beim Schreiben durchaus vor, dass ein Gedicht seiner Schöpferin eine neue Erkenntnis bringt. So sei es mit "Schwindel" gewesen. Es habe ihre "Verdrängungsschranke" durchbrochen und ihr vermittelt, was in der Situation Sache gewesen sei, aus der heraus sie den Text geschrieben hatte. Sie zitiert: "Nun auf der Höhe vorsichtig balancierend, sehe ich Dein Netz." Bis dahin hätte sie verdrängt, dass sie damals kein Netz hatte, nichts, was sie hätte sichern können, erinnert sich die Psychologin.

BÜCHER UND PREISE
„Im Schatten der Äpfel“ ist das jüngste Buch von Angelica Seithe. Es ist im EOF Verlag erschienen, kostet 17 Euro und hat die ISBN: 978-3-7412385-0-5. Zuletzt sind im Jahr 2013 „Regenlicht“ (ISBN: 978-3-9815731-2-1, 10 Euro) und der Kurzgeschichtenband „Berührungen“ (ISBN 978-39540702-7-5, 9,90 Euro).
Angelica Seite wurde im Jahr 2009 mit dem Sonderpreis Lyrik des Nordhessischen Autorenpreises ausgezeichnet und errang sowohl 2012 wie 2014 die Jurypreise beim Hildesheimer Lyrik-Wettbewerb. Mehr auf ihrer Homepage: www.angelica-seithe.de. (ka)

 


Rüdiger Jung zu Im Schatten der Äpfel


Angelica Seithe : Im Schatten der Äpfel. Ausgewählte Gedichte.
Dortmund (edition offenes feld), 2016. ISBN 9783741238505. 114 Seiten.
Angelica Seithe ist eine „meiner“ Autorinnen. Will sagen : was sie zu Gedicht bekommt, betrifft mich, interessiert mich, geht mich etwas an. Und die ebenso kunstvolle wie unprätentiöse Art, in der sie das Ihre zu sagen vermag, ist eine, von der man sich unversehens wünscht, es könne die eigene sein.
Ihre jüngsten Bände „Über der strömenden Zeit“ und „Regenlicht“ sind mir vertraut. Nun eröffnen mir „Ausgewählte Gedichte“ unter dem Titel „Im Schatten der Äpfel“ einen Querschnitt durch die fünf vorangegangenen Bände. Die Faszination eines solchen Querschnitts hat durchaus auch etwas Trügerisches : die Hoffnung, einen Autorenweg nachvollziehen, ihn sich gleichsam „erklären“ zu können. Als das Frühwerk Paul Celans erschien, war unverkennbar, dass nicht der Schlüssel, sondern allenfalls der Anfang eines hermetischen Werkes, eines erratischen Blocks, gehoben war. Mein Eindruck bei Angelica Seithe – ohne dass ich sie einem Hermetismus zuordnen würde – ist nicht unähnlich. Da scheint jemand gleich zu Beginn über das volle Repertoire sprachlicher und stilistischer Möglichkeiten verfügt zu haben. Die volle Orchestrierung steht schon zu Beginn, um alle Möglichkeiten auszuschöpfen.
Passend zum Titel ist das bildnerische Entree des ausnehmend schönen Bandes die Reproduktion eines Ausschnitts aus Vincent van Goghs „Blühendem Baumgarten“ von 1889. Die Suche nach Vorbildern Angelica Seithes ist müßig. Nicht,  weil sie nicht ab und an ahnbar würden. Eher, weil da jemand von Beginn an seinen eigenen Weg geht.  Natürlich gibt es Reminiszenzen. Natürlich hat man Ingeborg Bachmanns „Anrufung des Großen Bären“ im Hinterkopf, wenn man Seithes „Erwartung des Großen Bären“ aufschlägt. Aber wie verblüffend eigen ist hier der Zugang :                  
                (…)
                        
                Hier      
                zieht das Grillenzirpen
                die Sterne an
                Der Deichselwagen parkt
                an meinem First 
              
                Verräterisch
                flackert mein Windlicht             (S.44)
An anderer Stelle erinnert mich ein geradezu surrealer Humor an die metaphysische Heiterkeit und Tiefgründigkeit eines Jan Skacel :
                DER AUSSTEIGER
              
                Ein Baum
                nimmt Abschied von seinem Wald
                Er lässt die Früchte des Jahres
                dem Wild 
                Stapft hinaus
                auf die leuchtende Wiese
               
                Wohin
                wird ihm der Vogel folgen
                wenn er sein Nest
                davongehen sieht
               
                übers Meer             (S.53)
Wenn eines die Lyrikerin Angelica Seithe in besonderer Weise auszeichnet, dann das sichere Gespür für Ambivalenzen und dafür, sie ins Wort zu bringen :
                MORGEN
               
                Morgen also komme ich
                Morgen also breche ich
                hier alles ab
                nehme das letzte Brett
                trag es ins Feuer und
                bin bei dir
               
                dem Dach ohne Haus
                aber mit
                einem Morgen voller Vögel             (S.47)
Das „Morgen“ ist voller Aufbruch und Wagnis, die das „also“ unterstreicht. Aber gerade dieses „also“ birgt ein Fragezeichen in sich, ob das lyrische Ich diesen Weg – bei aller Beherztheit und Bewunderung  - dann auch fassen und gehen wird. Vergessen wir nicht : ein „Morgen“, das zum Heute wird , ist kein „Morgen“ mehr …
                SCHWINDEL
               
                Ich sah dich tanzen
                auf einem Seil
                halsbrecherisch
               
                Ich glaubte
                es dir gleichtun zu müssen
               
                Nun aus der Höhe
                vorsichtig balancierend
                sehe ich
                dein Netz             (S.50)
 Vorbild oder Verführer ? Das Gedicht entscheidet es nicht, lässt offen, ob sich der „Schwindel“ der Höhe oder der Täuschung verdankt, lässt offen, ob „dein Netz“ Rettungsanker oder Fangnetz ist.
Unsere Sprache ist bemüht, zu bestimmen, zu verorten, zu definieren. Allenfalls die Lyrik trifft die Schwebe, das Dazwischen :
                ERLENAST
               
                So halb in die Strömung gehängt
                umflutet mich Wasser
                bewegt mich der Wind
               
                Es ist
                weil ich gebrochen bin
                und noch am Baum             (S.74)
Dieses lyrische Gespür für Ambivalenz ist es auch, dem gegeben ist, Untiefe und Paradox der Trauerarbeit auszuloten :
                NACHRICHT
               
                Er war gestorben
               
                Sie fand den schwarz geränderten Brief
                unter der Weihnachtspost
               
                Zweimal ertappte sie sich
                bei dem Gedanken ihn anzurufen
                um ihn zu fragen
                was denn passiert sei             (S.65)
Das Motiv des von Petrus imitierten Seewandels Jesu begegnet in dem ganz anderen Themenfeld  erotischer Dichtung  - gipfelnd in einem ebenso neuen und verblüffenden wie zwingenden Bild :
                SEEWEG
               
                Seit ich dich habe
                geh ich mit nackten
                Füßen über den See
                
                Du stehst an jedem Ufer
                die Hände
                lächelnd in den Taschen
                als wäre der See ein kleiner
                mit Wellen gepflasterter
                Platz             (S.72)
„Du stehst am Ufer“ hat als Ausdruck übermenschlicher, gleichsam märchenhafter Souveränität auch noch etwas von Hase und Igel !
Die Liebesgedichte Angelica Seithes empfinde ich gerade da als sehr stark, wo das Gegenüber abwesend ist und ersehnt wird. Gerade da hat die Lyrik ihr eigenes Recht und ihre eigenen geradezu beschwörenden Möglichkeiten. Das hat etwas von einem Zauber, der seiner Wirkung nie gewiss sein kann und gerade daher berührt. In „OHNE DICH“ etwa, wo das Verlassensein durch den geliebten Menschen, seine Abwesenheit, die Sehnsucht nach ihm sich „durch die wunde Luft“ zieht :
                (…)
                Das alles
                zwischen zwei roten Maschen die ich stricke
                an einer Mütze für den Winter
                Der kommt barfuß             (S.19)
„Wieder allein“ erfährt die Welt ohne den andern  als sinnentleert und vermag die eigene Not nur mehr im Paradoxon zu erfassen :
                (…)
                Ich tue Dinge, die
                nicht mehr getan werden müssen
               
                Im schönsten Sommer bin ich
                wie unter Wasser getaucht.
               
                Taub vor Stille             (S.63)
Das lyrische Stilmittel des Indirekten lotet die Unberechenbarkeit der Umwege aus, die Gefühl und Gedanke nehmen :
                VERSCHONT
               
                Das Telefon läuten lassen
                Nicht abnehmen
                Nicht wissen, wer es war 
                Nicht wissen, dass du
                es nicht warst             (S.32)
 Das zuletzt zitierte Gedicht verweist auf eine Domäne der Lyrikerin Angelica Seithe : das Kurzgedicht, dem in äußerster Verknappung  und Pointierung ein Höchstmaß an Prägnanz und Konzentration  gelingt.
                ZÜGE
               
                Überhaupt
                ist es immer der andere
                Bahnsteig
                auf dem mein Zug gerade steht             (S.26)
Der Leser denkt an ein Missgeschick, das – oft genug erlebt – als Verhängnis erfahren wird. Als Verhängnis ? Nicht doch auch als geheimer Wunsch ? Das vermeintliche Ungeschick des Zu-spät-Kommens und Bleibens als vorzeigbarer Hinderungsgrund der ungeliebten Abfahrt ? Vielleicht. Aber immerhin ist es „mein Zug“, der da „am anderen / Bahnsteig“  steht, also wohl doch jener, den es zu nehmen gälte. Es ist die Defizienz letzter Entscheidbarkeiten, die unser Leben prägt. Und die Gedichte Angelica Seithes.
Diese Auswahl aus sieben Bänden (seit 1981) weckt in mir den Wunsch, immer mehr von dieser hervorragenden Lyrik kennen zu lernen. Eine Auswahl – auch die bestmögliche – wird immer eine Auswahl bleiben, im gelungenen Falle (wie hier) repräsentativ, aber doch immer auch noch unvollständig. Gerade in den letzten Jahren reüssiert Angelica Seithe als eine der bemerkenswertesten Haiku-Dichterinnen deutscher Sprache – zumindest ein Aspekt, von dem die ansonsten vorbildliche Auswahl kein Zeugnis ablegt. Es mag sich als durchaus interessant erweisen, dem einen oder anderen Gedicht auf dem Weg zum Haiku zu folgen. „MIT DIR ZU ABEND“   (S.18), ein Gedicht, das, wenn ich recht orientiert bin, dem Erstling von 1981  entnommen sein dürfte, begegnet – deutlich abgespeckt“ – in „Götterspeise & Satansbraten. Gedichte vom Essen und Trinken“ („Das Gedicht“. Band 23. Hrsg. Von Kerstin Hensel und Anton G. Leitner. Bd. 23. Weßling bei München, November 2015. S.44) :
                HAIKU
               
                mit dir zu Abend –
                die Gräten der Forellen
                plötzlich Kopf an Kopf
                                                                                                                                                   Rüdiger Jung  

 

 

 


Rüdiger Jung zu Berührungen

Angelica Seithe : Berührungen. Kurzgeschichten. Münster sonderpunkt Verlag), 2013. ISBN 978-3-95407-032-9, 72 Seiten,
Preis : 9,90 Euro.                                                  
                der Kirschblütenzweig
                zittert im Teich. Ein Schmetterling
                hat ihn berührt. 
So lautet das Haiku der Autorin, das – mit Bezug auf den Buchtitel – auf der Buchrückseite zitiert wird. Dichte und Konzentration kennzeichnen die Lyrikerin Angelica Seithe. Und zeichnen sie auch in der epischen Kurzform aus.
Dem Buchtitel eignet von Anfang an eine große Ambivalenz :
                Sie hatten sich nicht berührt, aber es gab einen Moment, wo Angeli sich dessen bewusst wurde, und wo sie wusste, dass es auf keinen Fall
                geschehen    dürfe – sich zu berühren. (S.6)
Nicht um äußere, um innere Berührung geht es, wo das Motiv das nächste Mal begegnet. Da heißt es von jemandem (in bemerkenswerter Steigerung!): Er
               war beeindruckt. Berührt sogar. (S.25)

Die vorletzte der sechzehn Kurzgeschichten trägt den Titel „Berührung“ (S.63ff). Und doch bleibt selbige virtuell :
               So sehr, dass sie sie einmal in Gedanken – es musste so gekommen sein – mit der Hand berührte, am Arm, an den Schultern … / Das hatte genügt.
               (S.64)
Reale Berührungen prägen die letzte Kurzgeschichte. „Ein Satyr im Bus“ :
               Da merkte Anna, dass jemand ihren Arm berührte, jemand, der direkt neben ihr stand und sich an ihrer Armlehne festhielt. Sie dachte an Zufall. Aber
               recht bald, als die Berührungen sich wiederholten, kam ihr die Idee, dass es Absicht sein konnte. Sie wollte es wissen. Sie nahm ihren Arm auch dann
               nicht weg, als deutlich wurde, dass die Kontakte einer geheimen Sprache folgten. (S.66)

Ja, die Berührungen meinen Kontakte. Gelingende und mißlingende, Beziehung und Beziehungslosigkeit. Die Beobachterin Angelica Seithe notiert in ihren Kurzgeschichten das Seltene, Ungewöhnliche :
                Der große Junge strahlte auch. Seine Anteilnahme war ohne Neid. (S.28)
Aber auch die Conditio humana : das Errichten einer Sandburg – und ihren Einsturz :
                Als wäre zu verhindern, was geschehen würde. Sie sah zu, lächelte ruhig und gebannt. (S.39)

„Der Gast“ (S.17f)erwacht zweimal in der Nacht, führt es einmal auf einen „Lustschrei“, einmal auf „Mord“ zurück.
                Er hörte die Uhr ticken. Alles war still.
Am nächsten Morgen die heilsame Ernüchterung – war er doch „Der einzige Gast.“ (S.18)

Ein wahres Inbild der Unschuld prägt die „Kinderhochzeit“ (S.5ff) :
                Sie selbst hatte zehnmal Salz genascht, und der Pastor hatte ihr im Beichtstuhl gesagt : „Wenn du so weiter machst, Mädchen, kommst du in den
                Himmel.“ (S.5)
Das zu gewähren bedarf es weiterhin der Interpretation :
                „Für einen Traum kann man nichts“, hatte der Pastor gesagt. (S.7)

Der „Ortstermin“ (S.14ff) könnte eine unverfängliche Besichtigung eines Wohnungsangebots oder auch juristischer Natur sein. Aber für den gemeinsam unternommenen Weg von Mutter und Tochter geht es um noch viel mehr und Grundsätzlicheres : „Entscheidung“, „Zu den freien Plätzen hinüber“, „hier ist es schön“, „Hier ist es gut“ (S.15f) bekommen eine ganz andere Klangfarbe, wenn dem Leser klar wird, dass es hier um eine Grabstätte geht !  Aber gerade dies – sich mit dem Tod vertraut zu machen – eröffnet Leben :
                Die beiden Frauen gingen langsam zurück. Sie wussten nun den Ort und traten durch das weiße, etwas angerostete Tor hinaus.“ (S.16)

„No money aus Tschuk-tschuk“ (S.27 bis 33) ist das Protokoll einer klassischen Ernüchterung, wie sie der Urlaub als Ausnahmesituation in besonderer Weise bereit hält : was Geschenk scheint, ist Geschäft, vermeintliche Liebe ein Schrei nach Anerkennung, das vermeintlich freie Spiel der Kräfte Verstrickung in Abhängigkeit. Was am sozialen Gefälle durchdekliniert wird, macht auch vor der Zweierbeziehung nicht halt.

Was immer schwierig sein mag im Verhältnis zweier Verliebter – die „Freundinnen“ (S.10 bis 13) haben es bereits vorweggenommen. Am Anfang die Faszination, die ins Stammeln kommt :
                „Jetzt dürfen wir uns etwas wünschen“, sagte Stephanie, einladend. Mara irrte im Kreis ihrer Wünsche umher wie ein blinder Vogel mit langen Beinen …
                (S.11)
Am Ende der Machtanspruch, an dem die Liebe zerbricht :
                „Mara“, sagte Stephanie knapp und von oben. „Mir ist da etwas hingefallen. Heb es mir auf ! (S.12)

Der Liebe zweier Menschen droht  wieder und wieder das Kippen in symbiotische Beziehungen :
                Er war da, und sie war zu Hause in ihrem Leben, weil es ihn gab. (S.20)

                Er widmete seine ganze Zeit ihr und ihren Wünschen. Dabei wünschte sie nur zu tun, was er wollte, und was er wollte, wurde getan. Ihr zuliebe. (S.23)

                Dann aber dachte sie an seinen Traum von letzter Nacht : Er flüchtet aus seinem brennenden Haus in das ihre, sucht ihre Nähe. Doch als sie seine
                Brandwunden versorgen will, stößt er sie von sich. (S.42)

                Es kam ihr vor, als hätte sie über Nacht aufgehört, sich selbst zu gehören. (S.51)

               Sie hätte sein Leben zu leben, nicht das ihre. (S.55)

Besonders kunstvoll sind jene Kurzgeschichten, in denen sich zwei komplementäre Erzählstränge wechselseitig durchdringen. „Der Puppenfriedhof“ (S.44 bis 52), aus dem Anneli Puppe Christel ausgräbt und ihr gleichermaßen zur Auferstehung verhilft, korrespondiert der erwachsenen Anna.
               Richard möchte sie durch ein Kind an sich binden – sie selbst, von ihm manipuliert, beginnt nun ihrerseits, mit seinen Erwartungen zu spielen. „Das Vogelkind“ (S.53ff) setzt die doppelte Erzählkonstruktion gleichsam fort, indem es die Sorge um ein halbverwaistes Amseljunges mit dem Beziehungsdilemma Annas zwischen Richard und Sven alternieren läßt.  
Die „Berührungen“ bestechen durch den Blick der Erzählerin auf ihre Figuren. Dieser Blick ist überaus genau, aber gerade nicht schonungslos:
                Anna sah der Frau in die Augen. Etwas zu lange. Das tat ihr leid.  (S.41)
 
                Da merkte sie, (…) dass sie stumm und ohne Schutzhaut, wie in der Schusslinie seiner Blicke, weiterging. (S.43)  

Gerade die beiden abschließenden Kurzgeschichten sind voller Empathie. In „Berührung“ (S.63ff) wird die Begegnung mit einer alten Dame zum Begriff der Gebrechlichkeit :
                Sie schaute weg. Es war ihr peinlich, die alte Dame zu lange anzusehen. (S.63)

                Sie sah nicht auf. Und dennoch schien die Greisin zu wissen, dass sie beobachtet wurde. (S.63)

„Ein Satyr im Bus“ (S.66 bis 71), jene Kurzgeschichte, die uns bereits durch das Titelmotiv der „Berührungen“ besonders auffiel, liest sich nicht zuletzt als ein Protokoll intensiver Blicke und deren Erwiderung:
                Sie sah kurz hinauf. Ein freundlicher und guter Blick ruhte auf ihr. (S.67)

                Er fixierte sie unverhohlen mit seinen warmen, freundlichen Augen. (S.68)

                Und er sah sie so intensiv, so ungeschützt eindringlich an  S.68)
Als die Blicke des „Satyrs“ anderen Frauen gelten, heißt es von Anna :
                Das passte ihr nicht. (S.69f)
Nun wird der werbende Blick der ihre :
                Sie nahm ihre Brille ab und versuchte, ihn anzuschauen. Das fiel ihr nicht leicht. Sie merkte, wie ungleich das Spiel gewesen war. (S.70)
In einem Augenblick völliger Korrespondenz leuchtet ein fast mystisches Glück auf :
               Sie tauschten einen Blick, der sie für einen Moment aus der Entfernung verschmolz … (S.71)

Als Nachklang dazu das „Abendlicht“ :
                Die ganze weite, geschwungene Küste, die noch einmal einen Arm voller Sonne um das Meer zu legen schien. (S.71)


                                                                                                                                                                      Rüdiger Jung