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Wetzlarer Neue Zeitung (Feuilleton) zu Regenlicht :


Die Buch-Kritik
Gedichte
KLAUS P. ANDRIESSEN

Unsere Welt ist voller Bilder. Unaufhörlich strömen sie auf uns ein. Keins bleibt lange im Gedächtnis. Schnell wird das eben noch faszinierende Foto von einem Nachfolger abgelöst. Ein extremerer Bildwinkel, eine neue Farbwirkung, ein anderes Motiv gewinnt die Aufmerksamkeit – manchmal nur für Sekunden. Dass es auch anders geht, zeigen Gedichte von Angelica Seithe. Die Psychologin mit Wohnsitz in Wettenberg (Kreis Gießen) hat bereits einige Preise für ihr lyrisches Schaffen bekommen – und jetzt ein neues Gedichtbändchen mit dem Titel „Regenlicht“ veröffentlicht. Darin finden sich zahlreiche Arbeiten, die in der Betrachtung eines Gemäldes oder einer Landschaft entstanden sind. Sie legen Zeugnis ab von einer ebenso offenen wie persönlichen Auseinandersetzung mit diesen Motiven. Ein schnell zu erzählendes Beispiel ist „Bretagne“: Das Bild von dem kleinen steinernen Haus, das eingekeilt zwischen zwei großen Felsen steht, ist vielen bekannt. Seithe skizziert es mit wenigen Worten und fügt hinzu „dabei täte es gut, mal / hervorzutreten und in hohem Bogen / in die See zu spucken“. Dem Sinn nach könnte es sich dabei um ein Haiku handeln – doch dann müsste der Gedanke auf eine dreizeilige Form verkürzt werden. Die Wettenbergerin nimmt sich die Freiheit, ein paar Zeilen mehr zu schreiben. Damit gewinnt ihr Ausgangsbild erheblich an Schärfe, ohne der Pointe den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Natürlich sind nicht alle Gedichte in dem 96-seitigen Büchlein so rasch nachzuvollziehen. Weil es aber doch einige sind,  bekommt auch der ungeübte Leser Freude daran, sich mit Seithes anderen, dichter gewebten Gedanken zu beschäftigen.
Und das lohnt sich! 

(2013)