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R√ľdiger Jung (Theologe)¬†zu: ¬†√úber der str√∂menden Zeit. Gedichte. 96 Seiten. 2009.

M√ľnster : Neues Literaturkontor. ISBN¬† 978-3-920591-93-3. Preis: 10,- Euro

 

Es macht Freude, einmal mehr auf eine jener ‚Äď gar nicht wenigen ‚Äď Autorinnen zu sto√üen,

die in deutscher Sprache Lyrik auf h√∂chstem Niveau schreiben. Reisen haben ihre Gedichte gepr√§gt ‚Äď

und ein wacher, mehr noch : hellsichtiger Blick auf die Natur. Eindringlich endet das Gedicht ‚ÄěIrische Steilk√ľste‚Äú (S. 39) :
(…)
Und in der Ferne diese Handvoll Häuser
stehengelassen
als das Meer sich zur√ľckzog

 

Keineswegs haben wir es deshalb mit einer harmlosen Idyllikerin zu tun :

 

Krähen

 

Über alten Dächern
greifen sie den Falken an
zerhacken ihm die Kreise, die
er ziehen will
Sie sind zu f√ľnft

 

Wie immer                                                   (S. 76)

 

Sp√ľrbar ist die Pr√§gung durch den Fernen Osten. Etwa, wenn in ‚ÄěChinarestaurant‚Äú (S.37) der ‚ÄěPerlenvorhang‚Äú

mit dem Bild der beiden ‚ÄěPandab√§ren‚Äú aufger√ľhrt wird und dann wieder zur Ruhe findet ‚Äď geradezu ein Inbild

taoistischer Weltsicht. Dem japanischen Zen entstammt das Haiku, dem Angelica Seithe einen hoch-originellen,

weil absolut unverstellten Blick auf die Welt verdankt :

 

Im Park

 

Tief √ľber uns
fliegen Gänse

Die Bäume schneebetresst
breiten ihre Schwingen aus

Als wollten sie
mitgenommen werden

 

nach Haus                                                         (S. 16)

 

Wenn eines die Frische, Spontaneit√§t, aber auch Treffsicherheit der Gedichte dieser Autorin verb√ľrgt,

dann die ihnen zugrunde liegende ungebrochene Macht kindlichen Staunens :

 

Morgenlicht

 

F√ľr einen Moment
gl√ľht der Morgen auf
√ľber die Bl√§ue
√ľber den Frost

Wenn Großmutter den
Herd geöffnet hatte
um nachzulegen
war so 
unser Staunen                                                      (S. 81)

 

Man hat es vor Augen : das ‚Äěo‚Äú aus ‚Äěso‚Äú, das den Kindermund formt. Der liebevolle Blick auf das Mitgesch√∂pf

zahlt auch in diesem Band den hohen Preis der Verletzlichkeit :

 

W√ľst

 

Elefanten ziehen zum rettenden Fluss

 

Ein Kalb verliert die Herde
Im platt getrampelten √Ėdland
allein und durstend
folgt es
den Spuren seiner Mutter

 

In der verkehrten Richtung                                             (S. 36)

 

Kein Blick auf das Leben ohne die Schere des Todes. Es gibt in ‚Äě√úber der str√∂menden Zeit‚Äú Gedichte,

die erschrecken und erschrecken machen √ľber die Verg√§nglichkeit. Es gibt aber auch den eindringlichen Versuch,

das Ende als ein Teil des Weges zu sehen und wahrzunehmen :

 

Kretischer Friedhof

 

Ein Friedhof ganz weiß
so weiß wie die
Häuser das Dorf
wie diese Handvoll Muscheln
dem Berg auf den struppigen Bauch gelegt

 

Nur etwas tiefer schon
am Hang und

 

näher zum Meer                                                             (S. 23)

 

Eigent√ľmlich das Gedicht ‚ÄěNoch‚Äú mit vier Sinnabschnitten, die jeweils mit diesem Titel¬† beginnen.

Scheint es dreimal der Tod zu sein, dem dieses ‚ÄěNoch‚Äú sich entgegenstellt, leuchtet am Ende eine

andere Gefahr auf : das Zerbrechen von Liebe.
(…)
Noch können wir den Schmerz
den wir uns tun
wegstreicheln
mit dem Blick                                                               (S. 38)

 

In Gedichten, von denen wir meinen, es m√ľ√üten die gl√ľcklichsten sein, steht die Liebe im Zeichen

der Unverwundbarkeit. So lese ich den Schlu√ü von ‚ÄěErntetag‚Äú (S. 21) :
(…)
Wir zusammenger√ľckt
und vor uns nichts
als das verblassende Gold
hinter den dunklen Kiefern 

 

Die stehen Stirn an Stirn

 

Oder auch die Schlu√üzeile von ‚ÄěKnallerbsen‚Äú (S. 61) :
(…)
Feuerwerk in unsern Taschen
Immer noch

 

Das ist kein irgendwie √§ngstliches ‚ÄěImmer noch‚Äú, eher ein trotziges, mutiges ‚Äď voller Beharrungs-

und Stehvermögen. Ein anderes Gedicht, das um die Gefahren von Schmerz und Zerstörung weiß,

begegnet ihnen gleichwohl mit einem geradezu unersch√ľtterlichen Urvertrauen :

 

Blick auf den See

 

Zwei Segel, dicht
in gleicher Strömung
gleiten dahin
Berge, wolkenverhangen
Auf der Wassertafel
ein Platzregen von Licht

 

Jetzt
hat das eine Segel gedreht
ist unterwegs nach Westen
weg vom andern

 

Doch die fernen Ufer sind
wie ein Band                                                                 (S. 35)

 

Am andern Ende der Skala ein Gedicht, das f√ľr Ern√ľchterung Worte findet, die in ihrer

traumwandlerischen Präzision an Erich Kästner gemahnen :                          

 

Der Trockenstrauß

 

Du willst ihn auswechseln
Blass ist er geworden, spröde
und staubig
Er steht auf deinem Bord
seit wir uns kennen

 

Du sagst
es war dein erster Strauß

 

Da war noch alles gr√ľn
sag ich                                                                       (S. 50)

 

Da ist sie nicht mehr, die eine Wahrheit, bei der sich beide Seiten treffen k√∂nnten. ‚Äď

Unbeschadet der Kraft solcher Gedichte, in denen das Gl√ľck wie das Scheitern von Liebe

wortm√§chtig aufscheinen, habe ich noch ein st√§rkeres Faible f√ľr jene Gedichte, in denen

Angelica Seithe der Beziehung zu ihrem Vater Raum gibt. In einem, ‚ÄěVater‚Äú betitelt, beschreibt sie

seinen Kopf :
(…)
Der ist noch immer klar
hart und gut -
wie der Kopf der Puppe
den du geschnitzt hast
Die ich mit mir schleifte
√ľberall hin
und die in ihrem
ausgestopften Körper
mein Herz trug

 

hölzern aber 
duftend nach Holz                                                    (S. 62)

 

Es gibt noch ein weiteres Gedicht gegen Ende des Bandes, das inhaltlich unmittelbar an das zitierte

anschließt :

 

Reichtum auf kleiner Mauer

 

Eine zerbeulte Milchb√ľchse
im Fr√ľhling
Ein Birkenscheit
Wippe f√ľr zwei Puppen
die nicht da sind
die aber schaukeln
und ein Vater, der da ist
eine Wippe baut
eine Bank
aus Birkenholz

 

Warm von Sonne                                                  (S. 85)

 

Ein Gedicht, an dem jedes deutende Wort ‚Äď und sei es ‚ÄěGeborgenheit‚Äú ‚Äď nur abgleiten kann. ‚Äď

Was bleibt, sind Hall und Nachklang von Versen einer Autorin, die nicht nur sprachsensibel,

nein, auch zutiefst lebens-weise erscheint :

 

Wespe an der Fensterscheibe

 

Auch wir
die Stirn an der Freiheit
finden den offenen Fl√ľgel
oft nur durch Zufall
und nur, wenn einer
den Weg uns verschlägt                                       (S. 89)