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Antje Telgenb√ľscher (Schriftstellerin, Literaturwissenschaftlerin) zu √úber der str√∂menden Zeit :


"Wer einmal Gedichte von Angelica Seithe gelesen hat, wird sich an Bilder erinnern. Auch in ihrem neuen Band "√úber der str√∂menden Zeit" √ľberraschen sie den Leser und leuchten unmittelbar ein, Bilder wie diese: "Meine Gef√ľhle f√ľr dich / zugeweht vom Sand" oder "Ein Fl√ľgelschlag wie schwere Seide" oder "Ein gr√ľner L√∂we liegt der Mai / vor meinem Fenster"... Und wenn die "Fr√ľhlingshexe" beschworen wird, eine Person kindlich anmutender und zugleich erotisch gef√§rbter Phantasie, pr√§gt sich dieses Bild ein: "Die Schenkelschere ge√∂ffnet / produziert sie Knospen, die / aufspringen, kleine Geschosse / eines ums andre". Originell! Das vergisst man nicht mehr.
Ein anderes Gedicht ("Allein") spielt aufs M√§rchen an, das so verfremdet wird: "Rapunzel / k√§mmt ihr / kurzes Haar". Die Geschichte, die darin steckt, kann der Leser sich ausmalen und weitererz√§hlen; Angelica Seithe deutet nur an. Sie ist eine Meisterin des Aussparens. Kein Wort zu viel! Manches erinnert an √∂stliche Lyrik, wie dieser lakonische Dreizeiler, dessen Silbenzahl einem Haiku entspr√§che, w√ľrde die Pause nach dem Seufzer mitz√§hlen: "Auf dem Teppich ein / Lager aus wei√üen Laken / Ach - nur der Mond".
Ein einziges Wort, ein Zufallsfund vielleicht, kann den poetischen Prozess ausl√∂sen. "Salzrosen" ist solch ein Wort, das der Autorin wohl merk-w√ľrdig erschienen ist, weil es so Gegens√§tzliches in sich vereint. In ihrem Gedicht wird ein Liebesbrief zum Schiff, das auf die Seereise geschickt wird und kentert: "Nun liegt er gestrandet / auf einer Klippe / Erbleicht / Setzt Salzrosen an".
Übrigens geht es bei Angelica Seithe nicht nur ernst und getragen zu. Sie schreibt auch mit knappem Witz oder Galgenhumor zwischen den Zeilen, zum Beispiel so: "Lesen: / Das Kleingedruckte / unter der Liebeserklärung".
Angelica Seithes poetische Logik lässt sich gut nachvollziehen. Deshalb sei dieser Band auch jenen empfohlen, die meinen, mit Lyrik von heute nichts anfangen zu können, weil sie zu schwer verständlich sei. Diese Gedichte sind eine Mischung aus Phantasie und sehr genauer Beobachtung. Sie verdanken ihre Schönheit großer Konzentration auf jedes einzelne Wort, die Sprachmelodie der Verse, ihren Rhythmus. Eigentlich muss man sie laut lesen, um ihnen gerecht zu werden. Ihre Themen? Immer noch und immer wieder: Liebe und Natur. Und wie beides der Zeit unterworfen ist." (Am Erker 60, 2010)