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Rüdiger Jung zu Berührungen

Angelica Seithe : Berührungen. Kurzgeschichten. Münster sonderpunkt Verlag), 2013. ISBN 978-3-95407-032-9, 72 Seiten,
Preis : 9,90 Euro.                                                  
                der Kirschblütenzweig
                zittert im Teich. Ein Schmetterling
                hat ihn berührt. 
So lautet das Haiku der Autorin, das – mit Bezug auf den Buchtitel – auf der Buchrückseite zitiert wird. Dichte und Konzentration kennzeichnen die Lyrikerin Angelica Seithe. Und zeichnen sie auch in der epischen Kurzform aus.
Dem Buchtitel eignet von Anfang an eine große Ambivalenz :
                Sie hatten sich nicht berührt, aber es gab einen Moment, wo Angeli sich dessen bewusst wurde, und wo sie wusste, dass es auf keinen Fall
                geschehen    dürfe – sich zu berühren. (S.6)
Nicht um äußere, um innere Berührung geht es, wo das Motiv das nächste Mal begegnet. Da heißt es von jemandem (in bemerkenswerter Steigerung!): Er
               war beeindruckt. Berührt sogar. (S.25)

Die vorletzte der sechzehn Kurzgeschichten trägt den Titel „Berührung“ (S.63ff). Und doch bleibt selbige virtuell :
               So sehr, dass sie sie einmal in Gedanken – es musste so gekommen sein – mit der Hand berührte, am Arm, an den Schultern … / Das hatte genügt.
               (S.64)
Reale Berührungen prägen die letzte Kurzgeschichte. „Ein Satyr im Bus“ :
               Da merkte Anna, dass jemand ihren Arm berührte, jemand, der direkt neben ihr stand und sich an ihrer Armlehne festhielt. Sie dachte an Zufall. Aber
               recht bald, als die Berührungen sich wiederholten, kam ihr die Idee, dass es Absicht sein konnte. Sie wollte es wissen. Sie nahm ihren Arm auch dann
               nicht weg, als deutlich wurde, dass die Kontakte einer geheimen Sprache folgten. (S.66)

Ja, die Berührungen meinen Kontakte. Gelingende und mißlingende, Beziehung und Beziehungslosigkeit. Die Beobachterin Angelica Seithe notiert in ihren Kurzgeschichten das Seltene, Ungewöhnliche :
                Der große Junge strahlte auch. Seine Anteilnahme war ohne Neid. (S.28)
Aber auch die Conditio humana : das Errichten einer Sandburg – und ihren Einsturz :
                Als wäre zu verhindern, was geschehen würde. Sie sah zu, lächelte ruhig und gebannt. (S.39)

„Der Gast“ (S.17f)erwacht zweimal in der Nacht, führt es einmal auf einen „Lustschrei“, einmal auf „Mord“ zurück.
                Er hörte die Uhr ticken. Alles war still.
Am nächsten Morgen die heilsame Ernüchterung – war er doch „Der einzige Gast.“ (S.18)

Ein wahres Inbild der Unschuld prägt die „Kinderhochzeit“ (S.5ff) :
                Sie selbst hatte zehnmal Salz genascht, und der Pastor hatte ihr im Beichtstuhl gesagt : „Wenn du so weiter machst, Mädchen, kommst du in den
                Himmel.“ (S.5)
Das zu gewähren bedarf es weiterhin der Interpretation :
                „Für einen Traum kann man nichts“, hatte der Pastor gesagt. (S.7)

Der „Ortstermin“ (S.14ff) könnte eine unverfängliche Besichtigung eines Wohnungsangebots oder auch juristischer Natur sein. Aber für den gemeinsam unternommenen Weg von Mutter und Tochter geht es um noch viel mehr und Grundsätzlicheres : „Entscheidung“, „Zu den freien Plätzen hinüber“, „hier ist es schön“, „Hier ist es gut“ (S.15f) bekommen eine ganz andere Klangfarbe, wenn dem Leser klar wird, dass es hier um eine Grabstätte geht !  Aber gerade dies – sich mit dem Tod vertraut zu machen – eröffnet Leben :
                Die beiden Frauen gingen langsam zurück. Sie wussten nun den Ort und traten durch das weiße, etwas angerostete Tor hinaus.“ (S.16)

„No money aus Tschuk-tschuk“ (S.27 bis 33) ist das Protokoll einer klassischen Ernüchterung, wie sie der Urlaub als Ausnahmesituation in besonderer Weise bereit hält : was Geschenk scheint, ist Geschäft, vermeintliche Liebe ein Schrei nach Anerkennung, das vermeintlich freie Spiel der Kräfte Verstrickung in Abhängigkeit. Was am sozialen Gefälle durchdekliniert wird, macht auch vor der Zweierbeziehung nicht halt.

Was immer schwierig sein mag im Verhältnis zweier Verliebter – die „Freundinnen“ (S.10 bis 13) haben es bereits vorweggenommen. Am Anfang die Faszination, die ins Stammeln kommt :
                „Jetzt dürfen wir uns etwas wünschen“, sagte Stephanie, einladend. Mara irrte im Kreis ihrer Wünsche umher wie ein blinder Vogel mit langen Beinen …
                (S.11)
Am Ende der Machtanspruch, an dem die Liebe zerbricht :
                „Mara“, sagte Stephanie knapp und von oben. „Mir ist da etwas hingefallen. Heb es mir auf ! (S.12)

Der Liebe zweier Menschen droht  wieder und wieder das Kippen in symbiotische Beziehungen :
                Er war da, und sie war zu Hause in ihrem Leben, weil es ihn gab. (S.20)

                Er widmete seine ganze Zeit ihr und ihren Wünschen. Dabei wünschte sie nur zu tun, was er wollte, und was er wollte, wurde getan. Ihr zuliebe. (S.23)

                Dann aber dachte sie an seinen Traum von letzter Nacht : Er flüchtet aus seinem brennenden Haus in das ihre, sucht ihre Nähe. Doch als sie seine
                Brandwunden versorgen will, stößt er sie von sich. (S.42)

                Es kam ihr vor, als hätte sie über Nacht aufgehört, sich selbst zu gehören. (S.51)

               Sie hätte sein Leben zu leben, nicht das ihre. (S.55)

Besonders kunstvoll sind jene Kurzgeschichten, in denen sich zwei komplementäre Erzählstränge wechselseitig durchdringen. „Der Puppenfriedhof“ (S.44 bis 52), aus dem Anneli Puppe Christel ausgräbt und ihr gleichermaßen zur Auferstehung verhilft, korrespondiert der erwachsenen Anna.
               Richard möchte sie durch ein Kind an sich binden – sie selbst, von ihm manipuliert, beginnt nun ihrerseits, mit seinen Erwartungen zu spielen. „Das Vogelkind“ (S.53ff) setzt die doppelte Erzählkonstruktion gleichsam fort, indem es die Sorge um ein halbverwaistes Amseljunges mit dem Beziehungsdilemma Annas zwischen Richard und Sven alternieren läßt.  
Die „Berührungen“ bestechen durch den Blick der Erzählerin auf ihre Figuren. Dieser Blick ist überaus genau, aber gerade nicht schonungslos:
                Anna sah der Frau in die Augen. Etwas zu lange. Das tat ihr leid.  (S.41)
 
                Da merkte sie, (…) dass sie stumm und ohne Schutzhaut, wie in der Schusslinie seiner Blicke, weiterging. (S.43)  

Gerade die beiden abschließenden Kurzgeschichten sind voller Empathie. In „Berührung“ (S.63ff) wird die Begegnung mit einer alten Dame zum Begriff der Gebrechlichkeit :
                Sie schaute weg. Es war ihr peinlich, die alte Dame zu lange anzusehen. (S.63)

                Sie sah nicht auf. Und dennoch schien die Greisin zu wissen, dass sie beobachtet wurde. (S.63)

„Ein Satyr im Bus“ (S.66 bis 71), jene Kurzgeschichte, die uns bereits durch das Titelmotiv der „Berührungen“ besonders auffiel, liest sich nicht zuletzt als ein Protokoll intensiver Blicke und deren Erwiderung:
                Sie sah kurz hinauf. Ein freundlicher und guter Blick ruhte auf ihr. (S.67)

                Er fixierte sie unverhohlen mit seinen warmen, freundlichen Augen. (S.68)

                Und er sah sie so intensiv, so ungeschützt eindringlich an  S.68)
Als die Blicke des „Satyrs“ anderen Frauen gelten, heißt es von Anna :
                Das passte ihr nicht. (S.69f)
Nun wird der werbende Blick der ihre :
                Sie nahm ihre Brille ab und versuchte, ihn anzuschauen. Das fiel ihr nicht leicht. Sie merkte, wie ungleich das Spiel gewesen war. (S.70)
In einem Augenblick völliger Korrespondenz leuchtet ein fast mystisches Glück auf :
               Sie tauschten einen Blick, der sie für einen Moment aus der Entfernung verschmolz … (S.71)

Als Nachklang dazu das „Abendlicht“ :
                Die ganze weite, geschwungene Küste, die noch einmal einen Arm voller Sonne um das Meer zu legen schien. (S.71)


                                                                                                                                                                      Rüdiger Jung