Beitragsseiten
Presse-Echo
Seite 2
Seite 3
Seite 4
Seite 5
Seite 6
Seite 7
Seite 8
Seite 9
Seite 10
Seite 11
Seite 12
Seite 13
Seite 14
Seite 15
Seite 16
Seite 17
Seite 18
Seite 19
Seite 20
Seite 21
Alle Seiten

Rüdiger Jung zu Im Schatten der Äpfel


Angelica Seithe : Im Schatten der Äpfel. Ausgewählte Gedichte.
Dortmund (edition offenes feld), 2016. ISBN 9783741238505. 114 Seiten.
Angelica Seithe ist eine „meiner“ Autorinnen. Will sagen : was sie zu Gedicht bekommt, betrifft mich, interessiert mich, geht mich etwas an. Und die ebenso kunstvolle wie unprätentiöse Art, in der sie das Ihre zu sagen vermag, ist eine, von der man sich unversehens wünscht, es könne die eigene sein.
Ihre jüngsten Bände „Über der strömenden Zeit“ und „Regenlicht“ sind mir vertraut. Nun eröffnen mir „Ausgewählte Gedichte“ unter dem Titel „Im Schatten der Äpfel“ einen Querschnitt durch die fünf vorangegangenen Bände. Die Faszination eines solchen Querschnitts hat durchaus auch etwas Trügerisches : die Hoffnung, einen Autorenweg nachvollziehen, ihn sich gleichsam „erklären“ zu können. Als das Frühwerk Paul Celans erschien, war unverkennbar, dass nicht der Schlüssel, sondern allenfalls der Anfang eines hermetischen Werkes, eines erratischen Blocks, gehoben war. Mein Eindruck bei Angelica Seithe – ohne dass ich sie einem Hermetismus zuordnen würde – ist nicht unähnlich. Da scheint jemand gleich zu Beginn über das volle Repertoire sprachlicher und stilistischer Möglichkeiten verfügt zu haben. Die volle Orchestrierung steht schon zu Beginn, um alle Möglichkeiten auszuschöpfen.
Passend zum Titel ist das bildnerische Entree des ausnehmend schönen Bandes die Reproduktion eines Ausschnitts aus Vincent van Goghs „Blühendem Baumgarten“ von 1889. Die Suche nach Vorbildern Angelica Seithes ist müßig. Nicht,  weil sie nicht ab und an ahnbar würden. Eher, weil da jemand von Beginn an seinen eigenen Weg geht.  Natürlich gibt es Reminiszenzen. Natürlich hat man Ingeborg Bachmanns „Anrufung des Großen Bären“ im Hinterkopf, wenn man Seithes „Erwartung des Großen Bären“ aufschlägt. Aber wie verblüffend eigen ist hier der Zugang :                  
                (…)
                        
                Hier      
                zieht das Grillenzirpen
                die Sterne an
                Der Deichselwagen parkt
                an meinem First 
              
                Verräterisch
                flackert mein Windlicht             (S.44)
An anderer Stelle erinnert mich ein geradezu surrealer Humor an die metaphysische Heiterkeit und Tiefgründigkeit eines Jan Skacel :
                DER AUSSTEIGER
              
                Ein Baum
                nimmt Abschied von seinem Wald
                Er lässt die Früchte des Jahres
                dem Wild 
                Stapft hinaus
                auf die leuchtende Wiese
               
                Wohin
                wird ihm der Vogel folgen
                wenn er sein Nest
                davongehen sieht
               
                übers Meer             (S.53)
Wenn eines die Lyrikerin Angelica Seithe in besonderer Weise auszeichnet, dann das sichere Gespür für Ambivalenzen und dafür, sie ins Wort zu bringen :
                MORGEN
               
                Morgen also komme ich
                Morgen also breche ich
                hier alles ab
                nehme das letzte Brett
                trag es ins Feuer und
                bin bei dir
               
                dem Dach ohne Haus
                aber mit
                einem Morgen voller Vögel             (S.47)
Das „Morgen“ ist voller Aufbruch und Wagnis, die das „also“ unterstreicht. Aber gerade dieses „also“ birgt ein Fragezeichen in sich, ob das lyrische Ich diesen Weg – bei aller Beherztheit und Bewunderung  - dann auch fassen und gehen wird. Vergessen wir nicht : ein „Morgen“, das zum Heute wird , ist kein „Morgen“ mehr …
                SCHWINDEL
               
                Ich sah dich tanzen
                auf einem Seil
                halsbrecherisch
               
                Ich glaubte
                es dir gleichtun zu müssen
               
                Nun aus der Höhe
                vorsichtig balancierend
                sehe ich
                dein Netz             (S.50)
 Vorbild oder Verführer ? Das Gedicht entscheidet es nicht, lässt offen, ob sich der „Schwindel“ der Höhe oder der Täuschung verdankt, lässt offen, ob „dein Netz“ Rettungsanker oder Fangnetz ist.
Unsere Sprache ist bemüht, zu bestimmen, zu verorten, zu definieren. Allenfalls die Lyrik trifft die Schwebe, das Dazwischen :
                ERLENAST
               
                So halb in die Strömung gehängt
                umflutet mich Wasser
                bewegt mich der Wind
               
                Es ist
                weil ich gebrochen bin
                und noch am Baum             (S.74)
Dieses lyrische Gespür für Ambivalenz ist es auch, dem gegeben ist, Untiefe und Paradox der Trauerarbeit auszuloten :
                NACHRICHT
               
                Er war gestorben
               
                Sie fand den schwarz geränderten Brief
                unter der Weihnachtspost
               
                Zweimal ertappte sie sich
                bei dem Gedanken ihn anzurufen
                um ihn zu fragen
                was denn passiert sei             (S.65)
Das Motiv des von Petrus imitierten Seewandels Jesu begegnet in dem ganz anderen Themenfeld  erotischer Dichtung  - gipfelnd in einem ebenso neuen und verblüffenden wie zwingenden Bild :
                SEEWEG
               
                Seit ich dich habe
                geh ich mit nackten
                Füßen über den See
                
                Du stehst an jedem Ufer
                die Hände
                lächelnd in den Taschen
                als wäre der See ein kleiner
                mit Wellen gepflasterter
                Platz             (S.72)
„Du stehst am Ufer“ hat als Ausdruck übermenschlicher, gleichsam märchenhafter Souveränität auch noch etwas von Hase und Igel !
Die Liebesgedichte Angelica Seithes empfinde ich gerade da als sehr stark, wo das Gegenüber abwesend ist und ersehnt wird. Gerade da hat die Lyrik ihr eigenes Recht und ihre eigenen geradezu beschwörenden Möglichkeiten. Das hat etwas von einem Zauber, der seiner Wirkung nie gewiss sein kann und gerade daher berührt. In „OHNE DICH“ etwa, wo das Verlassensein durch den geliebten Menschen, seine Abwesenheit, die Sehnsucht nach ihm sich „durch die wunde Luft“ zieht :
                (…)
                Das alles
                zwischen zwei roten Maschen die ich stricke
                an einer Mütze für den Winter
                Der kommt barfuß             (S.19)
„Wieder allein“ erfährt die Welt ohne den andern  als sinnentleert und vermag die eigene Not nur mehr im Paradoxon zu erfassen :
                (…)
                Ich tue Dinge, die
                nicht mehr getan werden müssen
               
                Im schönsten Sommer bin ich
                wie unter Wasser getaucht.
               
                Taub vor Stille             (S.63)
Das lyrische Stilmittel des Indirekten lotet die Unberechenbarkeit der Umwege aus, die Gefühl und Gedanke nehmen :
                VERSCHONT
               
                Das Telefon läuten lassen
                Nicht abnehmen
                Nicht wissen, wer es war 
                Nicht wissen, dass du
                es nicht warst             (S.32)
 Das zuletzt zitierte Gedicht verweist auf eine Domäne der Lyrikerin Angelica Seithe : das Kurzgedicht, dem in äußerster Verknappung  und Pointierung ein Höchstmaß an Prägnanz und Konzentration  gelingt.
                ZÜGE
               
                Überhaupt
                ist es immer der andere
                Bahnsteig
                auf dem mein Zug gerade steht             (S.26)
Der Leser denkt an ein Missgeschick, das – oft genug erlebt – als Verhängnis erfahren wird. Als Verhängnis ? Nicht doch auch als geheimer Wunsch ? Das vermeintliche Ungeschick des Zu-spät-Kommens und Bleibens als vorzeigbarer Hinderungsgrund der ungeliebten Abfahrt ? Vielleicht. Aber immerhin ist es „mein Zug“, der da „am anderen / Bahnsteig“  steht, also wohl doch jener, den es zu nehmen gälte. Es ist die Defizienz letzter Entscheidbarkeiten, die unser Leben prägt. Und die Gedichte Angelica Seithes.
Diese Auswahl aus sieben Bänden (seit 1981) weckt in mir den Wunsch, immer mehr von dieser hervorragenden Lyrik kennen zu lernen. Eine Auswahl – auch die bestmögliche – wird immer eine Auswahl bleiben, im gelungenen Falle (wie hier) repräsentativ, aber doch immer auch noch unvollständig. Gerade in den letzten Jahren reüssiert Angelica Seithe als eine der bemerkenswertesten Haiku-Dichterinnen deutscher Sprache – zumindest ein Aspekt, von dem die ansonsten vorbildliche Auswahl kein Zeugnis ablegt. Es mag sich als durchaus interessant erweisen, dem einen oder anderen Gedicht auf dem Weg zum Haiku zu folgen. „MIT DIR ZU ABEND“   (S.18), ein Gedicht, das, wenn ich recht orientiert bin, dem Erstling von 1981  entnommen sein dürfte, begegnet – deutlich abgespeckt“ – in „Götterspeise & Satansbraten. Gedichte vom Essen und Trinken“ („Das Gedicht“. Band 23. Hrsg. Von Kerstin Hensel und Anton G. Leitner. Bd. 23. Weßling bei München, November 2015. S.44) :
                HAIKU
               
                mit dir zu Abend –
                die Gräten der Forellen
                plötzlich Kopf an Kopf
                                                                                                                                                   Rüdiger Jung