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Rüdiger Jung zu Regenlicht


Rezension
Regenlicht von Angelica Seithe. Gedichte.
Neues Literaturkontor, Münster. 2013. ISBN 978-3-9815731-2-1.
96 Seiten.


Ihrem zweiten Gedichtband „Regenlicht“, der in Prägnanz und Konzentration an den im selben Verlag erschienenen Erstling von 2009, „Über der strömenden Zeit“, anknüpft, hat Angelica Seithe drei Seiten mit jeweils vier Haiku eingestreut, die – von zwei Leerseiten umgeben – deutlich von den übrigen Gedichten
abgesetzt sind : auf den Seiten 29, 59 und 77.

mich
ausfädeln bei dir. Aber
der Faden wird länger und länger.         
                                                               (S.57)
Die ganze Ambivalenz eines Beziehungsgeflechts in Haiku-Form. Die erstrebte Trennung misslingt. Der Faden mag länger, lockerer, zwangloser werden, aber – und das ist entscheidend! – er reißt nicht. Beides, die Natur, aber auch das (Zwischen-) Menschliche, hat Raum in Angelica Seithes Haiku. Da wird Einsamkeit geradezu
stofflich und dinglich greifbar:

Garderobenwand
Auf den Schultern der Gästebügel
Staub
                                                              (S. 77)
Und da kann es dem Zentrum menschlichen Empfindens ergehen wie einem Apfel, der die Kerne entbehrt:

gevierteltes Herz
Von Kammer zu Kammer
niemand zu Haus
                                                             (S. 77)
Die Natur begegnet im Modus des Leichten und Leisen, zart und japanisch:

Der Kirschblütenzweig
zittert im Teich. Ein Schmetterling
hat ihn berührt
                                                            (S. 77)
Gerade die Ambivalenz, Offenheit und Mehrdeutigkeit der japanischen Form setzt menschliche Beziehung und Natur in einen  spannungsvollen Kontext:

unser Schweigen.
Eine Schwalbe trennt
den Abendhimmel auf
                                                            (S.77)
Wird das „Auftrennen“ zum Signal der Spaltung? Oder macht da „Eine Schwalbe“ dem lyrischen Wir doch noch einen ganzen Sommer?