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Rüdiger Jung (Theologe) zu Regenlicht

 

Angelica Seithe :  Regenlicht. Gedichte. 96 Seiten. 2013. Münster : Neues Literaturkontor. ISBN  978-3-9815731-2-1. Preis: 10,- Euro

Als Haiku-Autorin macht Angelica Seithe Furore. So nimmt es nicht Wunder, daß sie ihrem zweiten Gedichtband „Regenlicht“ (2009 erschien im selben Verlag „Über der strömenden Zeit“) drei mal vier besonders hervorgehobene Haiku eingeflochten hat. Die Lektüre der übrigen 75 Gedichte erweist die Gründe der Wahlverwandtschaft zur japanischen Poesie. Denn Konzentration und Prägnanz, Frische und Spontaneität erscheinen als die ureigenen Gaben der Lyrikerin. Ihre Meisterschaft mag man daran ersehen, daß ein-und-das-selbe Grundmotiv bei ihr das Potential hat, zwei ganz grundverschiedene Wege zu nehmen :

Land unter

Schon vor Jahren
riss mir das Meer
Land aus dem Leben
Stück um Stück

Ich bäumte mich auf 
legte mich quer -
Ein Deich
der immer aufs Neue
geflickt werden muss

Heute nehm ich es hin
Es geschieht

Einmal
wird nur noch
Meer sein und Licht
wo Land gewesen ist                                                     (S. 19)

 

Die Hallig

Mit den Jahren
hob sich der Spiegel das Meer
fraß und fraß mir
Land aus dem Leben

Immer noch sind die Weiden sehr
grün und die Schafe
haben es gut auch die Pferde
Immer noch steht hier
mein Haus auf der Warft und das rotrote 
Dach schimmert durch meinen einzigen
Baum immer noch hört man
das Rufen der Gänse das Singen der
Schwäne wenn es neblig wird

Wenn das Meer kommt
treibt ganz zuletzt ein rotes
Floß dem Horizont entgegen
einer anderen
Insel zu                                                                             (S. 33)

„Land aus dem Leben“ lautet die Zeile, die beiden Gedichten gemeinsam ist. Dann beginnen die Unterschiede : in „Land unter“ das unverschlüsselte „Ich“, im Parallelgedicht „Die Hallig“, die „Ich“ sagt. In „Land unter“ der Blick meerwärts, in „Die Hallig“ eher der auf das Land und seine Bewohner. In „Land unter“ eine Psychologie des Haltens der Bastion, solange es geht, und Nietzsches „ewige Wiederkehr des Gleichen“, die mit dem Verbleib von „Meer“ und „Licht“ etwas sehr Tröstliches hat. In „Die Hallig“ die bildstarke Beschwörung eines Neuen, ganz Anderen, auf das alles zusteuert. Mit einer „Hallig“ verbindet man beides : ein enges Zusammenrücken, aber auch die Isolation, der das Inseldasein etymologisch eingeschrieben ist. Mit „Liebe“ und „Einsamkeit“ sind die beiden Pole benannt, denen sich die Mehrzahl der Texte Seithes zuordnen lässt.

Die alte Frau

Schnee ist gefallen
Schon wird es Nacht 
Auf weißer Decke nicht eine
Spur, nicht Vogel nicht Katze 
Es kommt kein Besuch
Es kommt keiner heute
es kommt keiner morgen
Sie kehrt und kehrt
immer gründlicher kehrt sie den
Straßenzugang zu ihrem Haus                                      (S. 37)

 

Einsamkeit, die sich nach ihrer Aufhebung sehnt. Das könnte auch der Grund sein, daß im folgenden Gedicht die Dialektik von Sich-(ver-)Bergen-Wollen und Ins-Licht-Gezogen-Werden, von gewolltem Rückzug und ersehnter Gemeinschaft so originär ins Bild gesetzt wird :

Sonnenschächte im Fichtenwald

Stämme dunkel und hoch 
Die Sonne wandelt darin
wie ein Geist in langen Gewändern
Breit ist ihr Schritt, die
Arme als wollte sie alles berühren
den weichen Duft des Bodens und
deinen Weg

Sie brennt ihm Münzen ein aus Licht
Sie meint es gut(S. 71)

Der große Kraftakt des Rückzugs vom Rückzug braucht als Wagnis im finsteren Märchen des Lebens am Ende die Schützenhilfe des Traums :

Brieftaube

Im Schnabel mein
zusammengefaltetes Herz

Mit beiden Händen hab ich sie
in die Luft geworfen 
Sie fliegt

den Schneesturm nicht achtend
in meinem Innern 
fliegt sie 
über die Berge, das Tal
Sie findet ein Dach und

den Schlag
den die Hexe mir
zuschlug
bei Tag

Nachts öffnen ihn Sterne                                               (S. 91)


Die spezifische Ökonomie von Öffnung und Sich-Bedeckt-Halten, von Sich-Verschenken und innerer Reserve ist im virtuellen Zeitalter nicht unbedingt einfacher geworden :

Onlineflirting

Mein Brief an dich
kreuzt gegen den
Wind

Die Segel sehr hell 
streiche ich, rolle ich
ein um nicht zu
schnell am
Ziel zu
sein

Nun liege ich dümpelnd
auf grauem Meer und die
Mailbox
bleibt leer                                                                         (S. 36)


Wer immer am Meer überleben will, muss sich einstellen können auf Ebbe und Flut, muss mit dem Tidenhub umgehen lernen. Eine  Einsicht, die Angelica Seithe an der (wie mir scheint) sommerlichen See auf das Zwischenmenschliche zu übertragen weiß :

Gezeiten der Liebe 

Der Sand 
hat sich in Falten gelegt
als das Meer ihn verließ
zog der Strand die Stirne kraus
Streifenmuster
wie gespurt
für den Rest der Zeit

Doch rauscht mit nächstem Mond
und brandend das Gefühl zurück,
dehnt sich der Strand mit jeder Welle
bis unter die Haarwurzeln seiner Ufer
vor Glück                                                                           (S. 63)


„Glück“, wie es am einfachsten, eindringlichsten und bezwingendsten wohl immer noch Kindermund zu benennen weiß :

Ende der Trennung

Als sie mich endlich holten
um mit mir nach Hause zu gehen
hielten sie mich an den kleinen Händen
und ließen mich
schaukeln zwischen sich

Der Weg war gepflastert mit Glück                              (S. 86)


„Engelchen, Engelchen, flieg !“ – Was mich an Angelica Seithes Lyrik so fasziniert, ist der große Reichtum an Leben und – ja ! – an Weisheit. Schmerzliche Erfahrungen bleiben nicht ausgesperrt, sondern werden mit einer bestechenden Genauigkeit von Gefühl, Gedanke und Wort protokolliert :

Angebot

Sie hat den Bonbon
- glänzend eingepackt und bunt -
an sich vorbeigehen lassen
Er schien nichts wert

Das Leben knistert jetzt
bei all den andern
schmeckt süß, schmeckt übersüß
schmeckt sauer

Das ihre schmeckt nach
nichts                                                                                (S. 79) 


Wie (vermeintlich ! ) leichtgewichtig ist dieser lyrische „Bonbon“. Eine Jugend wird rekapituliert, die das „Angebot“ des Lebens als allzu aufschneiderisch („glänzend eingepackt und bunt“) meinte ausschlagen zu dürfen. Was bleibt ist das ganze Gewicht der verpassten Gelegenheit. Sicher : man kann skeptisch abseits stehen und aus der Distanz (schmunzelnd vielleicht) zuschauen, wie sich den Anderen „süß“ in „übersüß“, schließlich in „sauer“ verwandelt. Aber wie viel mehr sind diese Geschmacksrichtungen immer noch als „nichts“ !
Aber auch wer, als es galt, zugegriffen hat, hat, was er hat, nicht für immer. Es ist der Zauber des Glücks, daß es nicht zu machen, und sein Stachel, daß es nicht zu halten ist : 

Damals

Damals kam ich zum See
Er lag weit ausgestreckt
im Sonnenglanz

Ich erreichte das andere Ufer
mit drei kräftigen Zügen

So war es später
nie wieder
Das ganze Glück
gesetzt
auf eine Karte                                                                  (S. 80)


„Wer nichts wagt, der nicht gewinnt !“ Das Fazit brachte schon die Antike auf den Punkt : „Carpe diem ! Nutze den Tag !“ Was sich übrigens überaus modern und sehr poetisch sagen lässt :

Bretagne

Auf der Landzunge
das kleine Haus hält sich die Ohren zu
mit den Felsblöcken rechts und den
Felsblöcken links zieht es die Schultern hoch

dabei täte es gut, mal
hervorzutreten und in hohem Bogen
in die See zu spucken                                                   (S. 85)


Den eingangs zitierten Gedichten „Land unter“ und „Die Hallig“ war bereits die Perspektive des Wandels und der Vergänglichkeit eingeschrieben. Was bleibt ? Das letzte Gedicht des Bandes zieht Bilanz. Es schönt nicht, leugnet nicht die Macht der Zeit, des Todes, der Vergänglichkeit. Und weiß doch – und sei es ein Taschenspielertrick ! – der Liebe das letzte Wort zuzuspielen, in aller Leichtigkeit :

La danse

zu Pablo Picasso, La danse (1933)

Tanz, wo die
Glieder fliegen und alles, was
schwer ist an uns

sich verwindet
wegdreht 
einander wieder zu

Tanz
der dir gilt und
immer wieder dir

dir und dem Leben
Auch wenn bald
Gras wächst über dir und mir

wir schweben                                                               (S.92)